© Karlheinz Heiss
Karlheinz Heiss
„ein Priester tut so etwas nicht“
Missbrauchte Katholik:innen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart
Auszüge aus:
Wenn mir vor Jahren jemand gesagt hätte, dass es wichtig würde, mich zum Thema „Sexueller Missbrauch in der Diözese Rottenburg-Stuttgart“ zu positionieren, dann hätte das bei mir nur Erstaunen ausgelöst. Zu stark war auch ich der Ansicht, dass Priester und sexueller Missbrauch überhaupt nicht zusammen denkbar sind. Die vergangenen Jahre haben etwas anderes an den Tag gebracht. Dass jetzt dieses Buch erscheint, kommt aus der Gewissheit, die Zeit sei überreif, endlich mit der Aufarbeitung anzufangen. Die Recherchen, die Nachfragen, die Überlegungen – sie erhielten nicht nur dankbare Zustimmung. Mich hat der Satz unseres Bischofs Dr. Gebhard Fürst schon sehr nachdenklich gemacht, dass ich meine Arbeit als Vorsitzender des Familienbundes „im Einklang mit den Direktiven und Vorgaben“ gestalten soll. Hier war er also, der Satz - und der Zaun, den der Hirte aufgebaut hatte, um seine Schafe zu weiden. Mir war klar: der Zaun hindert die freie Sicht auf die jesuanische Botschaft. Also müssen wir ihn überwinden. Der Satz hat mich zugleich bestärkt, am Thema dran zu bleiben. Oft machen wir die Erfahrung, dass sich hinter starren Regeln unsichere Menschen verbergen. Wer frei denken und handeln kann, hat weniger Probleme damit, anderen Menschen Freiheit(en) zuzugestehen. Als unsicher habe ich unseren Bischof nicht erlebt, also bleibt die offene Frage, warum Direktiven und Vorgaben eingefordert werden? Hier kamen mir grundlegenden Aussagen meines Vaters in den Sinn: lauf nicht unreflektiert (vermeintlichen) Autoritäten nach und lass Dich nicht von der Fassade blenden, auch wenn sie doziert, verwaltet oder eine Mitra aufhat! Versuche, dahinter zu schauen! Suche Zusammenhänge! Ich ergänze für mich: fordere die Freiheiten ein, die Du brauchst, um Deine Spiritualität zu leben. Und ebne auch Anderen den Weg, die das nicht so selbstbewusst einfordern können. Meine Hoffnung ist, dass mir das in diesem Buch ein wenig gelungen ist. Die Katholische Kirche ist eine „absolute Wahlmonarchie“ Wir verwenden das Adjektiv „absolut“ umgangssprachlich im Sinne von „völlig“, „vollkommen“, „überhaupt“. Aus dem Bereich der Geschichte kennen wir das Wort im Sinne des Absolutismus, jener Regierungsform eines Königs oder Kaisers, die ihm quasi unumschränkte Macht gibt, die sich keiner Überprüfung unterziehen muss. Im König oder Kaiser konzentriert sich alle Macht. Zur Zeit des Barock sticht Ludwig XIV. als absoluter Monarch besonders heraus, der seine Machtfülle im Schloss von Versailles demonstrierte . „Beispiele für gegenwärtig existierende absolutistische Regierungsformen sind die jeweils aus religiösen Prinzipien abgeleiteten Herrschaften des Königs von Saudi-Arabien und des Papstes im Vatikanstaat.“ Wikipedia: Artikel über Absolutismus Der Unterschied zwischen König und Papst liegt in der Nachfolgeregelung. Während in Saudi- Arabien das Königshaus den jeweiligen König stellt, ist die Kirche eine „absolute Wahlmonarchie“. An der Spitze steht ein Mann, der gewählt wird, nicht von den Mitgliedern, sondern von einem Kollegium von Männern, die ihn aus ihrer Mitte heraus in einem demokratischen Wahlprozess ermitteln. Diesen Mann nennt die Katholische Kirche Papst. Er hat viele Titel, die von „servus servorum dei“ (Diener der Diener Gottes) bis zu „vicarius Jesu Christi“ (Stellvertreter Jesu Christi) reichen. Seit Leo I. gehört der ursprünglich den römischen Kaisern zugesprochene Titel „pontifex maximus“ dem Papst. Weitere Titel, die einer gewissen machtpolitischen Zuschreibung dienen, sind: „episcopus romanus“ (Bischof von Rom), „succesor principis apostolorum“ (Nachfolger des Apostelfürsten), „primas italiae“ (der Primas von Italien), „archiepiscopus et metropolitanus provinciae romanae“ (Erzbischof und Metropolit der Provinz Rom) und Souverän des Staates Vatikanstadt. Für die innerkirchliche hierarchische Ordnung ist wichtig, dass der Papst über „höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt verfügt, die er immer frei ausüben kann“. (can. 331 CIC). Papst werden kann (theoretisch) jeder männliche Katholik. Die Mitregenten (Bischöfe) Im Dekret „Christus Dominus“ des Vatikanum II lesen wir: „Die einzelnen Bischöfe, denen die Sorge für eine Teilkirche anvertraut ist, weiden unter der Autorität des Papstes als deren eigentliche, ordentliche und unmittel-bare Hirten ihre Schafe im Namen des Herrn, indem sie ihre Aufgabe zu lehren, zu heiligen und zu leiten an ihnen ausüben.“ Natürlich ist dieser Satz vor dem Hintergrund des Evangeliums verfasst, dennoch mutet die (verkürzte) Aussage herausfordernd an: Der Bischof weidet seine Schafe, in dem er die Leitung an ihnen ausübt. Wenn wir die Aussage des Artikels 20 des Grundgesetzes dagegen stellen: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“, dann spüren wir die zwei Welten, in denen sich deutsche Katholik:innen bewegen (müssen). Teilhabe an der Gewalt und Wahl der Vertreter:innen in einem Modus, an dem alle Geschlechter ab dem 18. Lebensjahr geheim teilnehmen dürfen; „Schaf-sein“ auf der anderen Seite ohne Wahlmöglichkeit mit einem Mann an der Spitze, in dem sich alle Macht konzentriert. Pius IX. wird unfehlbar Die Struktur der Katholischen Kirche mit dem Papst an der Spitze, dem Kollegium der Kardinäle und Bischöfe, den Klerikern und schließlich den Laien galt bis 1870 als so gesetzt. Trotz aller Widrigkeiten, aller Angriffe auf die Kirche, aller Fehler, die die Menschen in ihr begingen – niemand wäre auf die Idee gekommen, dass diese Hierarchie noch „intensiviert“ werden könnte. Ich habe mit diesem Ausdruck gerungen, er wird meiner Vorstellung nur begrenzt gerecht. Im Jahr 1870 verkündet Papst Pius IX., der absolute Monarch des Vatikan, der bereits viele Ehrentitel sein eigen nennen konnte, während des Vatikanum I das Dogma der Unfehlbarkeit. Wenn sich jemand im „normalen Umfeld“ als „unfehlbar“ bezeichnen würde, dann würden wir ihn als „Narzissten“ bezeichnen und die Äußerung als Hybris, als pathologische Form der Selbstüberschätzung und des Stolzes, wahrnehmen. In der griechischen Tragödie folgt der Hy- bris unweigerlich die Bestrafung, der Fall und meist der Tod der Protagonisten. „Hochmut kommt vor dem Fall“ – so beschreibt es der Volksmund. Ist der aktuelle sich beschleunigende Niedergang der Katholischen Kirche der Abschluss des verzögerten Falls, der durch die Hybris des Dogmas der Unfehlbarkeit ausgelöst wurde? So wie beim Märchen vom Fischer und seiner Frau die Hybris des „Gott-Seins“ letztlich an den Ausgangspunkt, die arme Fischerhütte, zurückführt? „ein Pfarrer tut so etwas nicht“ Am 30. Dezember 2010 waren im Schwäbischen Tagblatt unter der Überschrift „Ehrenbürgerwürde wegen Missbrauch entzogen“ folgende Zeilen zu lesen: Stefan Kruschina, Pfarrer in Wurmlingen von 1953 bis 1965, hat sich wiederholt an Knaben aus der Gemeinde sexuell ver-gangen und sie bei kleinsten Vergehen brutal geschlagen. Öffentliche Bekenntnisse, die die Kirchengemeinde spalten. Denn viele haben den nachmaligen Theologieprofessor als honorigen Mann in Erinnerung, der sich um die Wurmlinger Kapelle verdient gemacht hat und 1968 deshalb sogar die Ehrenbürgerwürde erhielt.“ Unbarmherzig und brutal habe der Pfarrer bei kleinen Vergehen der Knaben zugeschlagen, „oft mit einem Kabelstrang, der besonders schmerzhafte Striemen verursachte“. Umso verstörender erlebte A. B.r die sexuelle Zudringlichkeit des Priesters bei anderer Gelegenheit, allein mit ihm beim Nachsitzen in der Wurmlinger Schule. A. B.: „Er nahm mich auf den Schoß, griff in meine Hose und betastete meine Genitalien“. Wurmlinger Jugendliche haben in den 60er Jahren über die Neigung des Pfarrers zu sexuellen Übergriffen auf Knaben vor der Pubertät untereinander gesprochen. Das bestätigte G. (Name der Redaktion bekannt), der gleichaltrige, am Gespräch teilnehmende Bekannte A. B. „Auch später, bei den in Wurmlingen gut be-suchten Jahrgangstreffen ist immer wieder davon gesprochen worden“, sagte er. Es hätten sich einige Männer der Jahrgänge 1949 bis 1952 wieder über die Übergriffe unterhalten, deren Opfer sie vor fünf Jahrzehnten wurden. Das berichtete G. Einem von ihnen sei übel geworden, als ihn die Erinnerung einholte. Mit ihren Eltern oder Lehrern hätten die Knaben über die Vorfälle nicht gesprochen, sagen A. B. und G. Allerdings erinnert sich G. an eine Bemerkung seines Vaters: „Der Pfarrer hat es doch mit Buben.“ Unheilvolle Loyalität Warum hat eben dieser Vater, dieser Einzelne, nicht gegen den Pfarrer aufbegehrt, ihm seine unmoralische Haltung vorgehalten und ihn öffentlich zur Rechenschaft gezogen? … Der Fall W. E.: Geboren 1953 in Schwenningen. Er besucht das Martinihaus in Rottenburg und anschließend das Konvikt in Rottweil, beides bischöfliche Internate der Diözese. Studium der Theologie in Tübingen und der Kirchenmusik in Rottenburg. Er unterrichtet zunächst in der Berufsschule Religion. Dann habe er aber gemerkt, "dass er nicht zum Lehrer geboren" war. Er geht ins Priesterseminar nach Rottenburg, er ist Diakon in 3 Pfarreien. Bischof Georg Moser weiht ihn 1984 in Bad Mergentheim zum Priester. Es folgt eine insgesamt vierjährige Vikariatszeit. Die erste eigene Pfarrstelle tritt er 1988 an, wo er bis Mitte der 1990-er Jahre auch Studentenseelsorger ist. Seit dem Jahr 2004 ist er für den Dienst des Katholischen Auslandssekretariats der Deutschen Bischofskonferenz freigestellt. W. E. gesteht laut Diözese Rottenburg-Stutt-gart Anfang 2005, zwischen 1987 und 1989 sexuellen Verkehr mit einem Jungen gehabt zu haben, der damals 16 Jahre alt war. Die Verfehlungen, die sich auf den Zeitraum zwischen Ende der 70er und Ende der 80er Jahre beziehen, seien damals allerdings straf- und kirchen-rechtlich schon verjährt gewesen, so die Diözese. Der Priester habe zu jener Zeit eine „ultimative Ermahnung” erhalten. Ab 2007 arbeitet er als Seelsorger in einer weiteren Auslandsgemeinde und steht dort bis 2009 der deutsch-sprachigen katholischen Kirchengemeinde vor. Das katholische Auslandssekretariat der deutschen Bischofskonferenz in Bonn, welches die Auslandspfarrer entsen-det, ist nach bestätigten Angaben ahnungslos, was das Eingeständnis von W. E. zu den sexuellen Verfehlungen betrifft. „Es war von den Vorwürfen nichts bekannt…” , sagt die Pressesprecherin der Deutschen Bischofskon-ferenz einer Zeitschrift. Am 15. Juli 2009 feiert W. E. mit 14 anderen Priestern das 25-jährige Priesterjubiläum im Rottenburger Bischofshaus. Im Oktober 2009 wird er wegen interner Querelen in der Auslandsgemeinde vorzeitig abgelöst. Am 22. November 2009 wird W. E. wieder in der Diözese als Pfarrer eingesetzt. In der Gemeinde wird niemand über das Eingeständnis eines Missbrauchs informiert. Am 18. April 2010 spendet er die Erstkommunion. Am 27. April 2010 wird Pfarrer W. E. durch seinen Vorgesetzten, Bischof Dr. Gebhard Fürst, angewiesen, seine Amts-geschäfte mit sofortiger Wirkung bis zur abschließenden Klärung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe ruhen zu lassen. Vorausgegangen (Zeitpunkt unbekannt) waren Gespräche mit zwei oder drei Missbrauchsopfern. Sie geben zu Protokoll, der Pfarrer habe sie als Kind missbraucht. Vertuschen durch Versetzen? Es ergeben sich ein ganzes Bündel von Fragen in unterschiedlicher Richtung: Gab es vor 2005 Hinweise auf sexuelle Übergriffe durch W. E. oder sogar Beschuldigungen gegen ihn, nachdem die Taten in den 80-er und 90-er Jahren stattfanden? Wurde W. E. mit der Betrauung der Auslandsseelsorge ganz bewusst aus dem Schussfeld dieser Beschuldigungen genommen? Was hat ihn bewogen, sich Anfang 2005 zu den Beschuldigungen zu äußern und seine Schuld einzugestehen. Was wurde ab 2005 unternommen, um Kinder und Jugendliche vor sexuellen Missbrauch durch ihn zu schützen? Warum wurde die Deutsche Bischofskonferenz nicht zu den Beschuldigungen bzw. nach 2005 über das Geständnis informiert? Warum wurde die Kirchengemeinde 2009 nicht über W. E. als Täter informiert? War die KsM noch involviert, als der Bischof 2010 den Priester suspendierte? Gab es nach dem Geständnis eine Therapie? Ob sich alle Fragen aus der Distanz beantworten lassen, ist zweifelhaft. Und wie intensiv die Geheimakten die Vorfälle enthalten, ebenfalls. Ohne Freigabe durch den Bischof ist eine Recherche unmöglich. Also müssen wir bei dem bleiben, das sich anhand von Zeitungsberichten und Nachfragen recherchieren ließ.
Was mag in Bischof Dr. Fürst vorgegangen sein, als er im Jahr 2009 beim Priesterjubiläum eben
jenen geständigen Täter W. E. im Kreis der Jubilare gesehen hat. Wie konnte er im Brustton der Überzeugung sagen, dass „unter allen Berufsgruppen Pfarrer nach den Ärzten das höchste Ansehen hätten“, wenn er doch wusste, dass die Taten des W. E. sicher nicht zum Ansehen beitragen konnten? Oder war er davon überzeugt, dass seine „monitiones“ erfolgreich waren und damit wieder alles auf „Werkseinstellung“ stand? Die einen nennen es Naivität, die anderen Glauben – die Vorstellung, dass die „monitiones“ ausreichen, um potenziell gefährdete Kinder und Jugendliche zu schützen.
Seelsorger oder Chef?
Ich stelle es mir sehr schwer vor, wenn ein Seelsorger mit der Not eines Menschen konfrontiert
wird. Im Gespräch Dr. Fürst und W. E. sitzen sich zwei Geistliche gegenüber, die in etwa gleich alt
sind, in ähnlichen Umständen studiert haben, einen großen Erfahrungsschatz teilen, was sie
umgebende Menschen betrifft. Da kann manche Anekdote aus der Studentenzeit erzählt, sich
über Zeiten im Wilhelmstift und Priesterseminar ausgetauscht werden. Seelsorger brauchen eine
große emotionale Tiefe, sie müssen auch die Nähe der/s Gegenüber zulassen können, um
Themen zu bereden, die schmerzlich sind.
Dieses Gespräch des Seelsorgers Dr. Fürst ist aber nur eine Seite der Medaille, denn es sitzen sich
gleichzeitig ein Täter und sein Chef gegenüber. Und unter Umstän-den ist für einen in
Verantwortung stehenden Bischof sein seelsorgerliches Talent absolut hinderlich. Dort Empathie,
hier Verantwortung für Menschen, Kinder, Jugendliche, in einer Gemeinde.
Auf der anderen Seite des Tisches sitzt ebenfalls ein Geistlicher, ein Mitbruder, ein Mann, der „in
persona Christi“ handelt, der genauso wie der Bischof die Eucharistie feiert, das Brot bricht, die
Hostie austeilt, der weiß: „Wem er die Sünden vergibt, der oder dem sind sie vergeben!“ - Die
Problematik ist greifbar, die Lösung denkbar einfach.
Selbst wenn nur eine Beschuldigung vorliegen würde, müsste der Chef, also der Bischof als Chef,
handeln. Sofortige Freistellung vom Dienst, kein Kontakt mehr mit Kindern und Jugendlichen, bis
die Beschuldigungen geklärt sind.
Und für einen geständigen Täter? Gilt das Gleiche, nur dauerhaft. Es ist schon verwunderlich,
dass es noch 5 Jahre ge-braucht hat, bis Bischof Dr. Fürst den Pfarrer W. E. vom Dienst
suspendiert hat, es mag sein, dass der Kontakt des Bischofs mit weiteren Betroffenen schließlich
dazu geführt hat, W. E. zu suspendieren. Nachvollziehbar ist es nicht. Was hat die Kommission
sexueller Missbrauch 2005 zum Geständnis von W. E. gesagt, wie war die Empfehlung für den Bischof?
Und warum will sich partout niemand mehr daran erinnern?
„Der Fall“, wie ihn Dr.in Stolz (Vorsitzende der Kommission) nennt, gereicht weder der KsM noch
Bischof Dr. Fürst zur Ehre. Es bleiben Fragen über Fragen und das unbestimmte Gefühl, dass
aufgrund einer nicht nachvollziehbaren tiefgläubigen Naivität des Bischofs dieser Mann in ganz
Europa weiter Pfarrer sein konnte und damit zumindest theoretisch zu einer Gefahr für das
unbeschwerte Wachsen von Kindern und Jugendlichen hätte sein können.
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© Karlheinz Heiss
Karlheinz Heiss
Auszüge aus:
„ein Priester tut so etwas nicht“
Missbrauchte Katholik:innen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart
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Wenn mir vor Jahren jemand gesagt hätte, dass es wichtig würde, mich zum Thema „Sexueller Missbrauch in der Diözese Rottenburg-Stuttgart“ zu positionieren, dann hätte das bei mir nur Erstaunen ausgelöst. Zu stark war auch ich der Ansicht, dass Priester und sexueller Missbrauch überhaupt nicht zusammen denkbar sind. Die vergangenen Jahre haben etwas anderes an den Tag gebracht. Dass jetzt dieses Buch erscheint, kommt aus der Gewissheit, die Zeit sei überreif, endlich mit der Aufarbeitung anzufangen. Die Recherchen, die Nachfragen, die Überlegungen – sie erhielten nicht nur dankbare Zustimmung. Mich hat der Satz unseres Bischofs Dr. Gebhard Fürst schon sehr nachdenklich gemacht, dass ich meine Arbeit als Vorsitzender des Familienbundes „im Einklang mit den Direktiven und Vorgaben“ gestalten soll. Hier war er also, der Satz - und der Zaun, den der Hirte aufgebaut hatte, um seine Schafe zu weiden. Mir war klar: der Zaun hindert die freie Sicht auf die jesuanische Botschaft. Also müssen wir ihn überwinden. Der Satz hat mich zugleich bestärkt, am Thema dran zu bleiben. Oft machen wir die Erfahrung, dass sich hinter starren Regeln unsichere Menschen verbergen. Wer frei denken und handeln kann, hat weniger Probleme damit, anderen Menschen Freiheit(en) zuzugestehen. Als unsicher habe ich unseren Bischof nicht erlebt, also bleibt die offene Frage, warum Direktiven und Vorgaben eingefordert werden? Hier kamen mir grundlegenden Aussagen meines Vaters in den Sinn: lauf nicht unreflektiert (vermeintlichen) Autoritäten nach und lass Dich nicht von der Fassade blenden, auch wenn sie doziert, verwaltet oder eine Mitra aufhat! Versuche, dahinter zu schauen! Suche Zusammenhänge! Ich ergänze für mich: fordere die Freiheiten ein, die Du brauchst, um Deine Spiritualität zu leben. Und ebne auch Anderen den Weg, die das nicht so selbstbewusst einfordern können. Meine Hoffnung ist, dass mir das in diesem Buch ein wenig gelungen ist.

Die Katholische Kirche ist

eine „absolute

Wahlmonarchie“

Wir verwenden das Adjektiv „absolut“ umgangssprachlich im Sinne von „völlig“, „vollkommen“, „überhaupt“. Aus dem Bereich der Geschichte kennen wir das Wort im Sinne des Absolutismus, jener Regierungsform eines Königs oder Kaisers, die ihm quasi unumschränkte Macht gibt, die sich keiner Überprüfung unterziehen muss. Im König oder Kaiser konzentriert sich alle Macht. Zur Zeit des Barock sticht Ludwig XIV. als absoluter Monarch besonders heraus, der seine Machtfülle im Schloss von Versailles demonstrierte. „Beispiele für gegenwärtig existierende absolutistische Regierungsformen sind die jeweils aus religiösen Prinzipien abgeleiteten Herrschaften des Königs von Saudi-Arabien und des Papstes im Vatikanstaat.“ Wikipedia: Artikel über Absolutismus Der Unterschied zwischen König und Papst liegt in der Nachfolgeregelung. Während in Saudi-Arabien das Königshaus den jeweiligen König stellt, ist die Kirche eine „absolute Wahlmonarchie“. An der Spitze steht ein Mann, der gewählt wird, nicht von den Mitgliedern, sondern von einem Kollegium von Männern, die ihn aus ihrer Mitte heraus in einem demokratischen Wahlprozess ermitteln. Diesen Mann nennt die Katholische Kirche Papst. Er hat viele Titel, die von „servus servorum dei“ (Diener der Diener Gottes) bis zu „vicarius Jesu Christi“ (Stellvertreter Jesu Christi) reichen. Seit Leo I. gehört der ursprünglich den römischen Kaisern zugesprochene Titel „pontifex maximus“ dem Papst. Weitere Titel, die einer gewissen machtpolitischen Zuschreibung dienen, sind: „episcopus romanus“ (Bischof von Rom), „succesor principis apostolorum“ (Nachfolger des Apostelfürsten), „primas italiae“ (der Primas von Italien), „archiepiscopus et metropolitanus provinciae romanae“ (Erzbischof und Metropolit der Provinz Rom) und Souverän des Staates Vatikanstadt. Für die innerkirchliche hierarchische Ordnung ist wichtig, dass der Papst über „höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt verfügt, die er immer frei ausüben kann“. (can. 331 CIC). Papst werden kann (theoretisch) jeder männliche Katholik.

Die Mitregenten (Bischöfe)

Im Dekret „Christus Dominus“ des Vatikanum II lesen wir: „Die einzelnen Bischöfe, denen die Sorge für eine Teilkirche anvertraut ist, weiden unter der Autorität des Papstes als deren eigentliche, ordentliche und unmittel- bare Hirten ihre Schafe im Namen des Herrn, indem sie ihre Aufgabe zu lehren, zu heiligen und zu leiten an ihnen ausüben.“ Natürlich ist dieser Satz vor dem Hintergrund des Evangeliums verfasst, dennoch mutet die (verkürzte) Aussage herausfordernd an: Der Bischof weidet seine Schafe, in dem er die Leitung an ihnen ausübt. Wenn wir die Aussage des Artikels 20 des Grundgesetzes dagegen stellen: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“, dann spüren wir die zwei Welten, in denen sich deutsche Katholik:innen bewegen (müssen). Teilhabe an der Gewalt und Wahl der Vertreter:innen in einem Modus, an dem alle Geschlechter ab dem 18. Lebensjahr geheim teilnehmen dürfen; „Schaf-sein“ auf der anderen Seite ohne Wahlmöglichkeit mit einem Mann an der Spitze, in dem sich alle Macht konzentriert.

Pius IX. wird unfehlbar

Die Struktur der Katholischen Kirche mit dem Papst an der Spitze, dem Kollegium der Kardinäle und Bischöfe, den Klerikern und schließlich den Laien galt bis 1870 als so gesetzt. Trotz aller Widrigkeiten, aller Angriffe auf die Kirche, aller Fehler, die die Menschen in ihr begingen – niemand wäre auf die Idee gekommen, dass diese Hierarchie noch „intensiviert“ werden könnte. Ich habe mit diesem Ausdruck gerungen, er wird meiner Vorstellung nur begrenzt gerecht.Im Jahr 1870 verkündet Papst Pius IX., der absolute Monarch des Vatikan, der bereits viele Ehrentitel sein eigen nennen konnte, während des Vatikanum I das Dogma der Unfehlbarkeit. Wenn sich jemand im „normalen Umfeld“ als „unfehlbar“ bezeichnen würde, dann würden wir ihn als „Narzissten“ bezeichnen und die Äußerung als Hybris, als pathologische Form der Selbstüberschätzung und des Stolzes, wahrnehmen. In der griechischen Tragödie folgt der Hybris unweigerlich die Bestrafung, der Fall und meist der Tod der Protagonisten. „Hochmut kommt vor dem Fall“ – so beschreibt es der Volksmund. Ist der aktuelle sich beschleunigende Niedergang der Katholischen Kirche der Abschluss des verzögerten Falls, der durch die Hybris des Dogmas der Unfehlbarkeit ausgelöst wurde? So wie beim Märchen vom Fischer und seiner Frau die Hybris des „Gott-Seins“ letztlich an den Ausgangspunkt, die arme Fischerhütte, zurückführt?

„ein Pfarrer tut so etwas

nicht“

Am 30. Dezember 2010 waren im Schwäbischen Tagblatt unter der Überschrift „Ehrenbürgerwürde wegen Missbrauch entzogen“ folgende Zeilen zu lesen: „Stefan Kruschina, Pfarrer in Wurmlingen von 1953 bis 1965, hat sich wiederholt an Knaben aus der Gemeinde sexuell vergangen und sie bei kleinsten Vergehen brutal geschlagen. Öffentliche Bekenntnisse, die die Kirchengemeinde spalten. Denn viele haben den nachmaligen Theologieprofessor als honorigen Mann in Erinnerung, der sich um die Wurmlinger Kapelle verdient gemacht hat und 1968 deshalb sogar die Ehrenbürgerwürde erhielt.“ Unbarmherzig und brutal habe der Pfarrer bei kleinen Vergehen der Knaben zugeschlagen, „oft mit einem Kabelstrang, der besonders schmerzhafte Striemen verursachte“. Umso verstörender erlebte A. B. die sexuelle Zudringlichkeit des Priesters bei anderer Gelegenheit, allein mit ihm beim Nachsitzen in der Wurmlinger Schule. A. B.: „Er nahm mich auf den Schoß, griff in meine Hose und betastete meine Genitalien“. Wurmlinger Jugendliche haben in den 60er Jahren über die Neigung des Pfarrers zu sexuellen Übergriffen auf Knaben vor der Pubertät untereinander gesprochen. Das bestätigte G. (Name der Redaktion bekannt), der gleichaltrige, am Gespräch teilnehmende Bekannte A. B. „Auch später, bei den in Wurmlingen gut be-suchten Jahrgangstreffen ist immer wieder davon gesprochen worden“, sagte er. Es hätten sich einige Männer der Jahrgänge 1949 bis 1952 wieder über die Übergriffe unterhalten, deren Opfer sie vor fünf Jahrzehnten wurden. Das berichtete G. Einem von ihnen sei übel geworden, als ihn die Erinnerung einholte. Mit ihren Eltern oder Lehrern hätten die Knaben über die Vorfälle nicht gesprochen, sagen A. B. und G. Allerdings erinnert sich G. an eine Bemerkung seines Vaters: „Der Pfarrer hat es doch mit Buben.“

Unheilvolle Loyalität

Warum hat eben dieser Vater, dieser Einzelne, nicht gegen den Pfarrer aufbegehrt, ihm seine unmoralische Haltung vorgehalten und ihn öffentlich zur Rechenschaft gezogen? …

Der Fall W. E.:

Geboren 1953 in Schwenningen. Er besucht das Martinihaus in Rottenburg und anschließend das Konvikt in Rottweil, beides bischöfliche Internate der Diözese. Studium der Theologie in Tübingen und der Kirchenmusik in Rottenburg. Er unterrichtet zunächst in der Berufsschule Religion. Dann habe er aber gemerkt, "dass er nicht zum Lehrer geboren" war. Er geht ins Priesterseminar nach Rottenburg, er ist Diakon in 3 Pfarreien. Bischof Georg Moser weiht ihn 1984 in Bad Mergentheim zum Priester. Es folgt eine insgesamt vierjährige Vikariatszeit. Die erste eigene Pfarrstelle tritt er 1988 an, wo er bis Mitte der 1990-er Jahre auch Studentenseelsorger ist. Seit dem Jahr 2004 ist er für den Dienst des Katholischen Auslandssekretariats der Deutschen Bischofskonferenz freigestellt. W. E. gesteht laut Diözese Rottenburg-Stuttgart Anfang 2005, zwischen 1987 und 1989 sexuellen Verkehr mit einem Jungen gehabt zu haben, der damals 16 Jahre alt war. Die Verfehlungen, die sich auf den Zeitraum zwischen Ende der 70er und Ende der 80er Jahre beziehen, seien damals allerdings straf- und kirchen-rechtlich schon verjährt gewesen, so die Diözese. Der Priester habe zu jener Zeit eine „ultimative Ermahnung” erhalten. Ab 2007 arbeitet er als Seelsorger in einer weiteren Auslandsgemeinde und steht dort bis 2009 der deutsch-sprachigen katholischen Kirchengemeinde vor. Das katholische Auslandssekretariat der deutschen Bischofs-konferenz in Bonn, welches die Auslandspfarrer entsendet, ist nach bestätigten Angaben ahnungslos, was das Eingeständnis von W. E. zu den sexuellen Verfehlungen betrifft. „Es war von den Vorwürfen nichts bekannt…”, sagt die Pressesprecherin der Deutschen Bischofskonferenz einer Zeitschrift. Am 15. Juli 2009 feiert W. E. mit 14 anderen Priestern das 25-jährige Priesterjubiläum im Rottenburger Bischofshaus. Im Oktober 2009 wird er wegen interner Querelen in der Auslandsgemeinde vorzeitig abgelöst. Am 22. November 2009 wird W. E. wieder in der Diözese als Pfarrer eingesetzt. In der Gemeinde wird niemand über das Eingeständnis eines Missbrauchs informiert. Am 18. April 2010 spendet er die Erstkommunion. Am 27. April 2010 wird Pfarrer W. E. durch seinen Vorgesetzten, Bischof Dr. Gebhard Fürst, angewiesen, seine Amts- geschäfte mit sofortiger Wirkung bis zur abschließenden Klärung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe ruhen zu lassen. Vorausgegangen (Zeitpunkt unbekannt) waren Gespräche mit zwei oder drei Missbrauchsopfern. Sie geben zu Protokoll, der Pfarrer habe sie als Kind missbraucht.

Vertuschen durch Versetzen?

Es ergeben sich ein ganzes Bündel von Fragen in unterschiedlicher Richtung: Gab es vor 2005 Hinweise auf sexuelle Übergriffe durch W. E. oder sogar Beschuldigungen gegen ihn, nachdem die Taten in den 80-er und 90-er Jahren stattfanden? Wurde W. E. mit der Betrauung der Auslandsseelsorge ganz bewusst aus dem Schussfeld dieser Beschuldigungen genommen? Was hat ihn bewogen, sich Anfang 2005 zu den Beschuldigungen zu äußern und seine Schuld einzugestehen. Was wurde ab 2005 unternommen, um Kinder und Jugendliche vor sexuellen Missbrauch durch ihn zu schützen? Warum wurde die Deutsche Bischofskonferenz nicht zu den Beschuldigungen bzw. nach 2005 über das Geständnis informiert? Warum wurde die Kirchengemeinde 2009 nicht über W. E. als Täter informiert? War die KsM noch involviert, als der Bischof 2010 den Priester suspendierte? Gab es nach dem Geständnis eine Therapie? Ob sich alle Fragen aus der Distanz beantworten lassen, ist zweifelhaft. Und wie intensiv die Geheimakten die Vorfälle enthalten, ebenfalls. Ohne Freigabe durch den Bischof ist eine Recherche unmöglich. Also müssen wir bei dem bleiben, das sich anhand von Zeitungsberichten und Nachfragen recherchieren ließ. Was mag in Bischof Dr. Fürst vorgegangen sein, als er im Jahr 2009 beim Priesterjubiläum eben jenen geständigen Täter W. E. im Kreis der Jubilare gesehen hat. Wie konnte er im Brustton der Überzeugung sagen, dass „unter allen Berufsgruppen Pfarrer nach den Ärzten das höchste Ansehen hätten“, wenn er doch wusste, dass die Taten des W. E. sicher nicht zum Ansehen beitragen konnten? Oder war er davon überzeugt, dass seine „monitiones“ erfolgreich waren und damit wieder alles auf „Werkseinstellung“ stand? Die einen nennen es Naivität, die anderen Glauben – die Vorstellung, dass die „monitiones“ ausreichen, um potenziell gefährdete Kinder und Jugendliche zu schützen.

Seelsorger oder Chef?

Ich stelle es mir sehr schwer vor, wenn ein Seelsorger mit der Not eines Menschen konfrontiert wird. Im Gespräch Dr. Fürst und W. E. sitzen sich zwei Geistliche gegenüber, die in etwa gleich alt sind, in ähnlichen Umständen studiert haben, einen großen Erfahrungsschatz teilen, was sie umgebende Menschen betrifft. Da kann manche Anekdote aus der Studentenzeit erzählt, sich über Zeiten im Wilhelmstift und Priesterseminar ausgetauscht werden. Seelsorger brauchen eine große emotionale Tiefe, sie müssen auch die Nähe der/s Gegenüber zulassen können, um Themen zu bereden, die schmerzlich sind. Dieses Gespräch des Seelsorgers Dr. Fürst ist aber nur eine Seite der Medaille, denn es sitzen sich gleichzeitig ein Täter und sein Chef gegenüber. Und unter Umständen ist für einen in Verantwortung stehenden Bischof sein seelsorgerliches Talent absolut hinderlich. Dort Empathie, hier Verantwortung für Menschen, Kinder, Jugendliche, in einer Gemeinde. Auf der anderen Seite des Tisches sitzt ebenfalls ein Geistlicher, ein Mitbruder, ein Mann, der „in persona Christi“ handelt, der genauso wie der Bischof die Eucharistie feiert, das Brot bricht, die Hostie austeilt, der weiß: „Wem er die Sünden vergibt, der oder dem sind sie vergeben!“ - Die Problematik ist greifbar, die Lösung denkbar einfach. Selbst wenn nur eine Beschuldigung vorliegen würde, müsste der Chef, also der Bischof als Chef, handeln. Sofortige Freistellung vom Dienst, kein Kontakt mehr mit Kindern und Jugendlichen, bis die Beschuldigungen geklärt sind. Und für einen geständigen Täter? Gilt das Gleiche, nur dauerhaft. Es ist schon verwunderlich, dass es noch 5 Jahre gebraucht hat, bis Bischof Dr. Fürst den Pfarrer W. E. vom Dienst suspendiert hat, es mag sein, dass der Kontakt des Bischofs mit weiteren Betroffenen schließlich dazu geführt hat, W. E. zu suspendieren. Nachvollziehbar ist es nicht. Was hat die Kommission sexueller Missbrauch 2005 zum Geständnis von W. E. gesagt, wie war die Empfehlung für den Bischof? Und warum will sich partout niemand mehr daran erinnern? „Der Fall“, wie ihn Dr.in Stolz (Vorsitzende der Kommission) nennt, gereicht weder der KsM noch Bischof Dr. Fürst zur Ehre. Es bleiben Fragen über Fragen und das unbestimmte Gefühl, dass aufgrund einer nicht nachvollziehbaren tiefgläubigen Naivität des Bischofs dieser Mann in ganz Europa weiter Pfarrer sein konnte und damit zumindest theoretisch zu einer Gefahr für das unbeschwerte Wachsen von Kindern und Jugendlichen hätte sein können.