© Karlheinz Heiss
Karlheinz Heiss
Nachdenken
Texte zu gesellschaftlichen Themen mit katholischer Relevanz
Auszüge aus:

Die Machtfrage September 2019

Es sieht aus wie ein gewaltiges Spiel um Macht, wie sich derzeit die Deutsche Bischofskonferenz und der Vatikan benehmen. Ich frage mich, was hat es mit dem Macht-Poker und was hat es mit Macht überhaupt auf sich. Es gibt eine legitime Macht, die wir Bürger*innen der Legislative (den Parlamenten), der Exekutive (Ver-waltungen und Polizei) und der Jurisdiktion (den Richtern) verleihen. Sie sind in ihrer Machtausübung rückgebunden an das Volk, wie der Artikel 20 des Grundgesetzes beschreibt: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt“. Dies gilt, weil die Bundesrepublik „ein demokratischer und sozialer Bundesstaat“ ist. Im katholischen Umfeld sieht die Sachlage anders aus. Hier haben wir eine Rechtsform, wie wir sie aus der Monarchie kennen. Der Papst als oberste Instanz, darunter die Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe. So richtig stimmen will diese hierarchische Struktur nicht, denn es gibt auch die Überlegung, dass die Ortsbischöfe als Nachfolger der Apostel in ihrer Diözese die höchste Instanz sind und der Bischof von Rom nur der „primus inter pares“, also Erster unter Gleichen sei. Aus diesem „Primat“ formte das Vatikanum I das „Unfehlbarkeitsdogma“, das der Ent-scheidung des Papstes „ex cathedra“ in Glaubens- und Sittenfrage Unfehlbarkeit bescheinigte. Das Vatikanum II sprach 1964 der Gesamtheit der Gläubigen ebenfalls Unfehlbarkeit zu: „Die Gesamtheit der Gläubigen, welche die Salbung von dem Heiligen haben, kann im Glauben nicht irren“. Es geht bei der jetzigen Meinungsverschiedenheit zwischen Bischofskonferenz und Vatikan (noch) nicht um Fragen, die der Papst ex cathedra bestimmen müsste. Allerdings ist die Frage der Rolle der Frau in der Kirche heikel, viel heikler als die Frage des Zölibats. Der Adel regiert nicht mehr, das Abendland ist nicht unter gegangen „Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen“, mit solchen Aussagen versuchte dieser hohe Repräsentant des deutschen Adels seine Machtaus-übung zu legitimieren, mit der Rückbindung an die Gnade Gottes. Das ist noch gar nicht so lange her. Viele dachten, wenn der Adel nicht mehr regiert, geht das Abendland unter. Nun haben wir 100 Jahre ohne Adel überstanden, davon die letzten 70 Jahre ohne Krieg in Europa. Offensichtlich funktioniert eine Gesell-schaft auch und wohl besser, wenn Macht über Wahlen ausgeübt wird. Gehen wir zurück zur Situation der katholischen Kirche in Deutschland und schauen in unsere Diözese. Natürlich hat Dr. Gebhard Fürst Macht, schließlich ist er als Bischof Vorgesetzter vieler Frauen und Männer. Dies lässt sich auch aus dem Organigramm der diözesanen Verwaltung gut ersehen. Hier kann er Macht ausüben, legitime Macht, begründet aus seiner Position in der Organisationsstruktur. Er hat auch die Weihevollmacht, er kann Priester, Diakone, Kirchen und Altäre weihen. Er spendet das Firmsakrament, er kann als Bischof einer Gemeinde vorstehen und die Eucharistie feiern, er kann die Beichte abnehmen. Zeichen seiner Macht. Und doch sieht er sich einem gewaltigen Machtverlust gegenüber: Wenn immer mehr Menschen die Kirche verlassen, dann schwinden die Kirchensteuerein-nahmen. Die Folge: Personal muss abgebaut werden. Der Auszug der Menschen aus den Gotteshäusern ist längst Tatsache: Statt Altarweihen stehen Rückbau-maßnahmen an. Priester und Diakone kann er nur weihen, wenn sich Menschen bereitfinden, in den Dienst der Kirche zu treten. Auch hier schwinden die Ressourcen. Die Beichte? Hand aufs Herz, wann war das letzte Beichtgespräch? Und eine Messe zusammen mit dem Bischof? Auch da lässt die Strahlkraft deutlich nach. Von Galen – ein fürstlicher Bischof Vor kurzem habe ich eine historische Aufnahme gesehen, die Bischof Galen gezeigt hat, ganz genau gesagt: Clemens Augustinus Joseph Emmanuel Pius Antonius Hubertus Marie Graf von Galen, Bischof von Münster zwischen 1933 und 1946 und Kardinal. Es war ein stattlicher, fürstlicher Auftritt, der in seinem Prunk mehr als befremdlich war. Damals hatte ein Bischof noch Macht. Sein Wort galt in der Gesellschaft, wer sich seinen Bann zuzog, dem blieb nur der Wegzug oder die Konversion. Auch auf die Gemeindeebene herunter gebrochen galt dies: Die Macht in der Gemeinde war konzentriert in der Dreieinigkeit von Bürgermeister, Lehrer und Pfarrer. Heute? Entscheidungen von Bürgermeistern werden mit Bürgerentscheiden weggefegt, Lehrer will niemand mehr werden und Pfarrer schon gar nicht. Macht macht sexy; wenn sie verlustig geht, kümmert sich bald niemand mehr um die einstigen Machtmenschen. Aus diesem Blickwinkel erscheint der pressewirksame Machtpoker zwischen deutscher Kirche und Rom selt-sam unwirklich, wie eine Episode aus einem Mittelalter-Epos. Und anachronistisch zur Gestalt und zum Wirken des Jesus von Nazareth, dessen Ohnmacht am Kreuz in allen Kirchen zu sehen ist.

Die Würde des Menschen ist unantastbar

November 2019

Zugegeben, täglich schaue ich voller Spannung auf die News, die vom Impeachmentverfahren gegen Donald Trump berichten. Täglich staune ich auch, wie wenig die Menschen in Amerika bereit sind, ihre Meinung zu einem Thema oder, wie in diesem Fall, einer Person einem kritischen Reflektieren zu unterziehen. Spannend ist auch, wie Donald Trump an seiner Überzeugung festhält, grundsätzlich alles machen zu dürfen, weil er als Präsident unantastbar und unangreifbar ist. Selbst seine Vertrauten stellt er über das Gesetz: Sie dürfen nur dann aussagen, wenn er seine Erlaubnis gibt. Ähnlich geht es mit seiner Steuererklärung. War es bislang üblich, dass der Präsidentschaftskandidat sie während seiner Kann- didaturzeit veröffentlicht, weigert sich Trump, sein finanzielles Gebahren offen zu legen. Und seine Anhänger? Sie unterstützen ihn, sie halten an ihm fest, gehen sogar so weit, dass sie Menschen anderer politischer Richtung mit Morddrohungen überziehen. Ist es in der deutschen Gesellschaft anders? „Morddrohung gegen Roth und Özdemir“ war neulich in der Zeitung zu lesen. In der Konsequenz also – Menschen mit anderer politischer Gesinnung einzu-schüchtern – genau gleich. Fake News, konsequentes Leugnen des Holocaust und Anschläge gegen jüdische Einrichtungen – schlimm, und nicht alles lässt sich den üblen Machenschaften Einzelner in die Schuhe schieben. Gesinnung hat meist viele Mütter und Väter. Wie sollen wir damit umgehen? Mit den gleichen Waffen zurückschlagen? Diffamieren, nieder-schrei(b)en, unterdrücken? Sicher nicht. Eben weil Ge-sinnung viele Mütter und Väter hat, sind wir aufge-fordert, für unsere Gesinnung, unsere Haltung einzustehen. Haltung, das heißt zunächst eine Aussage über unser Menschenbild, unser Bild vom Gegenüber. Unsere christliche Haltung kann in Vielem beispielgebend sein. Wer sein Gegenüber und sich als geliebtes Geschöpf Gottes sieht, nimmt sie/ihn anders wahr. Toleranz mit der Verschiedenheit, Miteinander statt Macht-strukturen, Partizipation, Inklusion, Gendergerechtig-keit – all das ist selbstverständlich und gottgewollt, wenn wir uns als Geschöpfe sehen. Gesetze regeln unser Zusammenleben Das heißt aber nicht, dass alles erlaubt ist. Es gibt Gesetze, die unser Zusammenleben regeln, es gibt Schutzkonzepte, die Missbrauch vorbeugen sollen, es gibt als Lehre aus der Geschichte die unbedingte Ausrichtung all unserer Überlegungen auf die „Würde des Menschen“, die unantastbar ist. Wenn ich in die USA schaue, dann wäre meine ganz klare Aussage: Trump muss zurücktreten oder er muss abgesetzt werden, weil sich nur so das Primat des Gesetzes wieder herstellen lässt. Alles andere ist für mich undenkbar. Dies gilt auch für Deutschland und es gilt auch für unsere katholische Kirche. Das Primat des Gesetzes muss auch in unserer Kirche gelten. Nicht das falsch ausgelegte Kirchenrecht, das Täter schützt, Mitwisser und Verschweiger ebenso. Sondern das Gesetz der Offenheit, der Transparenz, der Achtsamkeit - das Fehlverhalten anspricht und nicht unter einen bischöflichen Mantel kehrt - das auch das scheinbar Unmögliche denkbar werden lässt: Die Aufforderung zum Rücktritt eines Bischofs.. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht Im Bistum Münster rumort es gewaltig: Da wurde ein des Missbrauchs beschuldigter und verurteilter Priester von Bistum zu Bistum weiterversetzt, ohne die Kirchengemeinden über die Verurteilung des Priesters zu informieren. O-Ton aus einer Veranstaltung in Emsdetten: „Wenn ich höre, dass ein den Bistums-leitungen bekannter Täter zwischen den Diözesen Köln, Münster und Essen hin- und hergereicht wird und immer wieder Kontakt zu Kindern und Jugendlichen hatte, dann wäre der Rücktritt der be- teiligten Bischöfe konsequent.“ Sich auf die Über-legung zurück zu ziehen, nicht genügend informiert gewesen zu sein, ist unerträglich und entschuldigt nichts. Wie lehrt uns das Finanzamt: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Das gilt auch hier. Ganz egal, wie gut oder schlecht ein Bischof informiert war, er hat eine „politische“ Verantwortung für sein Tun und das seiner Mitarbeiter*innen. Und genau das gilt hier: Wenn ein Bischof es zulässt oder anordnet, dass ein geständiger oder verurteilter Priester ohne Wissen der Gemeinde Dienst tun darf (und damit auch mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt kommen kann), dann macht er sich schuldig. Persönlich, wenn er es wissentlich angeordnet hat – politisch allemal, weil er der Bischof ist. Fragen wir noch einmal die Haltung an: Mit welcher Haltung sind die Bischöfe nach Veröffentlichung der Missbrauchsstudie unterwegs? – wie gehen sie mit der Frage nach persönlicher und/oder politischer Ver- antwortung um? - und die Frage an uns: Welche Haltung und welches Handeln wünschen wir uns? Ab welchem Grad der Verantwortung für Dinge in der Vergangenheit wollen wir einem Bischof den Rücktritt nahelegen? Wenn wir als katholische Kirche wieder gehört werden wollen, dann wird das nur sein, wenn man uns abnimmt, dass wir mit beiden Beinen authentisch auf dem Boden des Evangeliums stehen. Es gibt viele Gläubige, die haben unserer Kirche den Rücken gekehrt, weil sie dieses Authentische schmerzlich vermissen. Sie halten es nicht mehr aus, wie die Kirche, und hier sind insbesondere die Bischöfe gemeint, mit der Aufarbeitung des Missbrauchs umgeht. Wer den Blick der Bischöfe Ackermann und Marx noch in Erinnerung hat auf die Frage einer Journalistin 2018, ob denn ein Bischof überlegt habe, zurückzutreten, die/der weiß, man kann es niemand verdenken!

Inhaltsverzeichnis

S. 7 „Hund schießt auf Jäger“ S. 9 Maria 2.0 S. 13 Endlich Urlaub S. 17 Die Machtfrage S. 21 Keine Antwort. S. 25 Die Würde des Menschen ist unantastbar S. 30 Janus S. 35 (Deutsche) Sonderwege S. 41 „Frau gebärt trotz Corona“ S. 44 Donald – der Messias S. 47 Römische Botschaften S. 50 Die Istanbul-Konvention S. 54 Familien in der Kirche im Lichte von „amoris laetitia“ S. 59 „Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“ S. 62 Jede Zeit braucht ihre Antworten S. 65 Und es waren Hirten in derselben Gegend S. 68 Raum für das „Zusammen“-Leben schaffen S. 71 Loslassen, zulassen und Freiheit spüren S. 75 Der Familienbund in Coronazeiten S. 78 Was macht Missbrauch mit Betroffenen und deren Familien? S. 82 Anhang: Würzburger Appell gegen sexuellen Missbrauch: Handeln!
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Auszüge aus:
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Texte zu gesellschaftlichen Themen mit katholischer Relevanz
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Die Machtfrage

September 2019

Es sieht aus wie ein gewaltiges Spiel um Macht, wie sich derzeit die Deutsche Bischofskonferenz und der Vatikan benehmen. Ich frage mich, was hat es mit dem Macht-Poker und was hat es mit Macht überhaupt auf sich. Es gibt eine legitime Macht, die wir Bürger*innen der Legislative (den Parlamenten), der Exekutive (Verwaltungen und Polizei) und der Jurisdiktion (den Richtern) verleihen. Sie sind in ihrer Machtausübung rückgebunden an das Volk, wie der Artikel 20 des Grundgesetzes beschreibt: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt“. Dies gilt, weil die Bundesrepublik „ein demokratischer und sozialer Bundesstaat“ ist. Im katholischen Umfeld sieht die Sachlage anders aus. Hier haben wir eine Rechtsform, wie wir sie aus der Monarchie kennen. Der Papst als oberste Instanz, darunter die Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe. So richtig stimmen will diese hierarchische Struktur nicht, denn es gibt auch die Überlegung, dass die Ortsbischöfe als Nachfolger der Apostel in ihrer Diözese die höchste Instanz sind und der Bischof von Rom nur der „primus inter pares“, also Erster unter Gleichen sei. Aus diesem „Primat“ formte das Vatikanum I das „Unfehlbarkeitsdogma“, das der Entscheidung des Papstes „ex cathedra“ in Glaubens- und Sittenfrage Unfehlbarkeit bescheinigte. Das Vatikanum II sprach 1964 der Gesamtheit der Gläubigen ebenfalls Unfehlbarkeit zu: „Die Gesamtheit der Gläubigen, welche die Salbung von dem Heiligen haben, kann im Glauben nicht irren“.Es geht bei der jetzigen Meinungsverschiedenheit zwischen Bischofskonferenz und Vatikan (noch) nicht um Fragen, die der Papst ex cathedra bestimmen müsste. Allerdings ist die Frage der Rolle der Frau in der Kirche heikel, viel heikler als die Frage des Zölibats. Der Adel regiert nicht mehr, das Abendland ist nicht unter gegangen „Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen“, mit solchen Aussagen versuchte dieser hohe Repräsentant des deutschen Adels seine Machtaus-übung zu legitimieren, mit der Rückbindung an die Gnade Gottes. Das ist noch gar nicht so lange her. Viele dachten, wenn der Adel nicht mehr regiert, geht das Abendland unter. Nun haben wir 100 Jahre ohne Adel überstanden, davon die letzten 70 Jahre ohne Krieg in Europa. Offensichtlich funktioniert eine Gesellschaft auch und wohl besser, wenn Macht über Wahlen ausgeübt wird. Gehen wir zurück zur Situation der katholischen Kirche in Deutschland und schauen in unsere Diözese. Natürlich hat Dr. Gebhard Fürst Macht, schließlich ist er als Bischof Vorgesetzter vieler Frauen und Männer. Dies lässt sich auch aus dem Organigramm der diözesanen Verwaltung gut ersehen. Hier kann er Macht ausüben, legitime Macht, begründet aus seiner Position in der Organisationsstruktur. Er hat auch die Weihevollmacht, er kann Priester, Diakone, Kirchen und Altäre weihen. Er spendet das Firmsakrament, er kann als Bischof einer Gemeinde vorstehen und die Eucharistie feiern, er kann die Beichte abnehmen. Zeichen seiner Macht. Und doch sieht er sich einem gewaltigen Machtverlust gegenüber: Wenn immer mehr Menschen die Kirche verlassen, dann schwinden die Kirchensteuereinnahmen. Die Folge: Personal muss abgebaut werden. Der Auszug der Menschen aus den Gotteshäusern ist längst Tatsache: Statt Altarweihen stehen Rückbaumaßnahmen an. Priester und Diakone kann er nur weihen, wenn sich Menschen bereitfinden, in den Dienst der Kirche zu treten. Auch hier schwinden die Ressourcen. Die Beichte? Hand aufs Herz, wann war das letzte Beichtgespräch? Und eine Messe zusammen mit dem Bischof? Auch da lässt die Strahlkraft deutlich nach.

Von Galen – ein fürstlicher Bischof

Vor kurzem habe ich eine historische Aufnahme gesehen, die Bischof Galen gezeigt hat, ganz genau gesagt: Clemens Augustinus Joseph Emmanuel Pius Antonius Hubertus Marie Graf von Galen, Bischof von Münster zwischen 1933 und 1946 und Kardinal. Es war ein stattlicher, fürstlicher Auftritt, der in seinem Prunk mehr als befremdlich war. Damals hatte ein Bischof noch Macht. Sein Wort galt in der Gesellschaft, wer sich seinen Bann zuzog, dem blieb nur der Wegzug oder die Konversion. Auch auf die Gemeindeebene herunter gebrochen galt dies: Die Macht in der Gemeinde war konzentriert in der Dreieinigkeit von Bürgermeister, Lehrer und Pfarrer. Heute? Entscheidungen von Bürgermeistern werden mit Bürgerentscheiden weggefegt, Lehrer will niemand mehr werden und Pfarrer schon gar nicht. Macht macht sexy; wenn sie verlustig geht, kümmert sich bald niemand mehr um die einstigen Machtmenschen. Aus diesem Blickwinkel erscheint der pressewirksame Machtpoker zwischen deutscher Kirche und Rom seltsam unwirklich, wie eine Episode aus einem Mittelalter-Epos. Und anachronistisch zur Gestalt und zum Wirken des Jesus von Nazareth, dessen Ohnmacht am Kreuz in allen Kirchen zu sehen ist.

Die Würde des Menschen

ist unantastbar

November 2019

Zugegeben, täglich schaue ich voller Spannung auf die News, die vom Impeachmentverfahren gegen Donald Trump berichten. Täglich staune ich auch, wie wenig die Menschen in Amerika bereit sind, ihre Meinung zu einem Thema oder, wie in diesem Fall, einer Person einem kritischen Reflektieren zu unterziehen. Spannend ist auch, wie Donald Trump an seiner Überzeugung festhält, grundsätzlich alles machen zu dürfen, weil er als Präsident unantastbar und unangreifbar ist. Selbst seine Vertrauten stellt er über das Gesetz: Sie dürfen nur dann aussagen, wenn er seine Erlaubnis gibt. Ähnlich geht es mit seiner Steuererklärung. War es bislang üblich, dass der Präsidentschaftskandidat sie während seiner Kandidaturzeit veröffentlicht, weigert sich Trump, sein finanzielles Gebahren offen zu legen. Und seine Anhänger? Sie unterstützen ihn, sie halten an ihm fest, gehen sogar so weit, dass sie Menschen anderer politischer Richtung mit Morddrohungen überziehen.

Ist es in der deutschen Gesellschaft

anders?

„Morddrohung gegen Roth und Özdemir“ war neulich in der Zeitung zu lesen. In der Konsequenz also – Menschen mit anderer politischer Gesinnung einzuschüchtern – genau gleich. Fake News, konsequentes Leugnen des Holocaust und Anschläge gegen jüdische Einrichtungen – schlimm, und nicht alles lässt sich den üblen Machenschaften Einzelner in die Schuhe schieben. Gesinnung hat meist viele Mütter und Väter. Wie sollen wir damit umgehen? Mit den gleichen Waffen zurückschlagen? Diffamieren, niederschrei(b)en, unterdrücken? Sicher nicht. Eben weil Gesinnung viele Mütter und Väter hat, sind wir aufgefordert, für unsere Gesinnung, unsere Haltung einzustehen. Haltung, das heißt zunächst eine Aussage über unser Menschenbild, unser Bild vom Gegenüber. Unsere christliche Haltung kann in Vielem beispielgebend sein. Wer sein Gegenüber und sich als geliebtes Geschöpf Gottes sieht, nimmt sie/ihn anders wahr. Toleranz mit der Verschiedenheit, Miteinander statt Machtstrukturen, Partizipation, Inklusion, Gendergerechtigkeit – all das ist selbstverständlich und gottgewollt, wenn wir uns als Geschöpfe sehen.

Gesetze regeln unser Zusammenleben

Das heißt aber nicht, dass alles erlaubt ist. Es gibt Gesetze, die unser Zusammenleben regeln, es gibt Schutzkonzepte, die Missbrauch vorbeugen sollen, es gibt als Lehre aus der Geschichte die unbedingte Ausrichtung all unserer Überlegungen auf die „Würde des Menschen“, die unantastbar ist. Wenn ich in die USA schaue, dann wäre meine ganz klare Aussage: Trump muss zurücktreten oder er muss abgesetzt werden, weil sich nur so das Primat des Gesetzes wieder herstellen lässt. Alles andere ist für mich undenkbar. Dies gilt auch für Deutschland und es gilt auch für unsere katholische Kirche. Das Primat des Gesetzes muss auch in unserer Kirche gelten. Nicht das falsch ausgelegte Kirchenrecht, das Täter schützt, Mitwisser und Verschweiger ebenso. Sondern das Gesetz der Offenheit, der Transparenz, der Achtsamkeit - das Fehlverhalten anspricht und nicht unter einen bischöflichen Mantel kehrt - das auch das scheinbar Unmögliche denkbar werden lässt: Die Aufforderung zum Rücktritt eines Bischofs..

Unwissenheit schützt vor Strafe nicht

Im Bistum Münster rumort es gewaltig: Da wurde ein des Missbrauchs beschuldigter und verurteilter Priester von Bistum zu Bistum weiterversetzt, ohne die Kirchengemeinden über die Verurteilung des Priesters zu informieren. O-Ton aus einer Veranstaltung in Emsdetten: „Wenn ich höre, dass ein den Bistumsleitungen bekannter Täter zwischen den Diözesen Köln, Münster und Essen hin- und hergereicht wird und immer wieder Kontakt zu Kindern und Jugendlichen hatte, dann wäre der Rücktritt der beteiligten Bischöfe konsequent.“ Sich auf die Überlegung zurück zu ziehen, nicht genügend informiert gewesen zu sein, ist unerträglich und entschuldigt nichts. Wie lehrt uns das Finanzamt: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Das gilt auch hier. Ganz egal, wie gut oder schlecht ein Bischof informiert war, er hat eine „politische“ Verantwortung für sein Tun und das seiner Mitarbeiter*innen. Und genau das gilt hier: Wenn ein Bischof es zulässt oder anordnet, dass ein geständiger oder verurteilter Priester ohne Wissen der Gemeinde Dienst tun darf (und damit auch mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt kommen kann), dann macht er sich schuldig. Persönlich, wenn er es wissentlich angeordnet hat – politisch allemal, weil er der Bischof ist. Fragen wir noch einmal die Haltung an: Mit welcher Haltung sind die Bischöfe nach Veröffentlichung der Missbrauchsstudie unterwegs? – wie gehen sie mit der Frage nach persönlicher und/oder politischer Verantwortung um? - und die Frage an uns: Welche Haltung und welches Handeln wünschen wir uns? Ab welchem Grad der Verantwortung für Dinge in der Vergangenheit wollen wir einem Bischof den Rücktritt nahelegen? Wenn wir als katholische Kirche wieder gehört werden wollen, dann wird das nur sein, wenn man uns abnimmt, dass wir mit beiden Beinen authentisch auf dem Boden des Evangeliums stehen. Es gibt viele Gläubige, die haben unserer Kirche den Rücken gekehrt, weil sie dieses Authentische schmerzlich vermissen. Sie halten es nicht mehr aus, wie die Kirche, und hier sind insbesondere die Bischöfe gemeint, mit der Aufarbeitung des Missbrauchs umgeht. Wer den Blick der Bischöfe Ackermann und Marx noch in Erinnerung hat auf die Frage einer Journalistin 2018, ob denn ein Bischof überlegt habe, zurückzutreten, die/der weiß, man kann es niemand erdenken! Inhaltsverzeichnis S. 7 „Hund schießt auf Jäger“ S. 9 Maria 2.0 S. 13 Endlich Urlaub S. 17 Die Machtfrage S. 21 Keine Antwort. S. 25 Die Würde des Menschen ist unantastbar S. 30 Janus S. 35 (Deutsche) Sonderwege S. 41 „Frau gebärt trotz Corona“ S. 44 Donald – der Messias S. 47 Römische Botschaften S. 50 Die Istanbul-Konvention S. 54 Familien in der Kirche im Lichte von „amoris laetitia“ S. 59 „Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“ S. 62 Jede Zeit braucht ihre Antworten S. 65 Und es waren Hirten in derselben Gegend S. 68 Raum für das „Zusammen“-Leben schaffen S. 71 Loslassen, zulassen und Freiheit spüren S. 75 Der Familienbund in Coronazeiten S. 78 Was macht Missbrauch mit Betroffenen und deren Familien? S. 82 Anhang: Würzburger Appell gegen sexuellen Missbrauch: Handeln!