© Karlheinz Heiss
Karlheinz Heiss
Leserbriefe
zurück zurück Schwäbisches Tagblatt vom 6. Oktober 2021  Katholik:innen, insbesondere diejenigen, die auf die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals hoffen, sind  frustriert: der Papst zieht keine personellen Konsequenzen in Köln (Woelki) und Hamburg (Heße).  Bitter, nicht nur für Betroffene!  Und wie sieht es mit der Aufarbeitung bei uns aus?  „Im Aufbau“, erklärt die Diözese: „Personen sind noch nicht ernannt, aber fest im Blick. Für eine  Übergangszeit ernennt der Bischof zwei Opfervertreter für die Mitgliedschaft in der  Aufarbeitungskommission.“  Vor elf Jahren wurde das Thema Missbrauch mit „Streuobst“ des Wurmlinger Autors Anton Birlinger im  Dekanat Rottenburg greifbar, 2018 benennt eine großangelegte Studie ein strukturelles Problem in der  Kirche als Mitursache des Missbrauchs.  Bischof Dr. Fürst muss "übergangsweise" zwei Betroffene ernennen, weil der Teilnahme-Aufruf an  Betroffene noch aussteht. Warum das so lange dauert? Das würde mich auch interessieren.  Ob die zwei "Ernannten" in der Aufarbeitungskommission überhaupt eine Chance auf Gehör und  Mitgestaltung des Prozesses haben, wenn gleichzeitig drei Vertreter:innen des Landes BW und „kundige“  Menschen aus der Diözesankurie mit beraten? Wir werden sehen, spannend wird es allemal.          Schwäbisches Tagblatt vom 20. November 2021  Aktion Mensch will die „Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt“ in Tübingen mit insgesamt 300.000 € unterstützen. Eine sehr gute Entscheidung und die Frage an die Gesellschaft, wieso solche Einrichtungen überhaupt notwendig sind. Nach wie vor gibt es sexuelle Gewalt und die Familie ist der Hotspot. Väter führen die Täterliste an-das ist bitter, traurig und ich frage mich, ob die Gesellschaft diese Statistik irgendwann einmal als eine Erscheinung aus früheren Jahren betrachten darf. Beim Blick auf die Förderer von TIMA und Pfunzkerle fällt auf, dass die Kirchen nicht erwähnt sind. Warum eigentlich? Vielleicht, weil die Prävention mittlerweile als gut aufgestellt gilt? Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sowohl die Evangelische wie die Katholische Kirche ein massives Problem mit der Aufarbeitung des Missbrauchs haben. Betroffene verlassen die Beiräte und fühlen sich durch die Vorgehensweise der kirchlichen Stellen ein weiteres Mal missbraucht. Wir blicken in unserer Diözese jetzt auf fast 20 Jahre Umgang mit dem Missbrauch zurück, doch in punkto Aufarbeitung nehmen wir ein geschäftiges Nichtstun wahr, und nichts lässt darauf schließen, dass sich etwas ändern soll.  Zur Erklärung:  TIMA ist die Tübinger Initiative für Mädchen*arbeit PFUNZKERLE e.V. ist die Fachstelle für Jungen- und Männerarbeit in Tübingen  Schwäbisches Tagblatt hat nicht veröffentlicht, Bezugsartikel stand im überregionalen Teil. Schade!  Kirchenrechtsprofessor Bernhard Anuth aus Tübingen wirft Kardinal Marx Pflichtverletzungen im Umgang mit einem Missbrauchstäter vor. Marx habe 2008 eine psychiatrische Begutachtung beauftragt und ihn versetzt, aber keine interne Voruntersuchung angeordnet und den Fall nicht nach Rom gemeldet. Dies alles steht im Zusammenhang mit Vorwürfen gegen Kardinal Ratzinger, später Papst Benedikt XVI. „Ein jegliches hat seine Zeit“ – nun hat also das Schonen Benedikts ein Ende. Köln ist weit, München ebenso. Und bei uns? Ich bin gespannt, wann der Fall W. E. und das mit München zu vergleichende „problematische“ Handeln des Bistums prominent in die Medien kommt. Dort fungierte der Generalvikar als Prellbock gegen Angriffe auf Ratzinger - in Rottenburg führt Bischof Dr. Fürst gern an, dass er gemäß den Empfehlungen der Kommission sexueller Missbrauch entscheidet. Prof. Anuth ist ihr stellvertretender Vorsitzender. Spätestens, wenn (falls) in unserer Diözese eine Wahrheitskommission ihre Arbeit aufnimmt, wird „der Fall“ öffentlich diskutiert und das Agieren der Kommission zu bewerten sein. Insbesondere ihre Vernetzung/Verschränkung/Abhängigkeit zur Diözesanleitung während der letzten 20 Jahre.   Schwäbisches Tagblatt 25. Januar 2022 In Rottenburg swingt Bischof Dr. Fürst zu philippinischer Gitarrenmusik, in München geht der Schrecken einer neuen Missbrauchsstudie um und in Rom betreibt Papst Franziskus Kinderlosenbashing: Einheit in Vielfalt. Wie heil erscheint uns in der Region doch unsere katholische Welt. Mitnichten: Auch in Rottenburg wurde mit Missbrauch m. E. fahrlässig umgegangen. Unter Bischof Dr. Fürst wurden beschuldigte Priester in Pfarreien belassen, einem geständigen Missbrauchstäter wieder Kinder- und Jugendarbeit ermöglicht. Schnee von gestern? Das Brausen von Köln und München wird auch Rottenburg erreichen, davon bin ich überzeugt. Alle Bischöfe fühlten sich sicher – fest verschlossen waren die Fälle in den Geheimarchiven. Köln, München, Rottenburg - nur noch eine Frage der Zeit. Meine Forderung: Aufarbeitung durch eine „Wahrheitskommission“ mit einer sauberen, wissenschaftlich fundierten Recherche im Geheimarchiv vorab und einer paritätischen Besetzung mit Betroffenen und Kirchenvertretern, öffentlichen Sitzungen unter Leitung unabhängiger Persönlichkeiten und einem ausführlichen, jederzeit zugänglichen Schlussbericht. Aufarbeitung in Kirchenhand? Wäre längst möglich gewesen. Schwäbisches Tagblatt 5.März 2022 Zu meinem letzten Leserbrief (s. u.) war folgende Anmerkung der Redaktion zu lesen:  Drei Mitglieder der siebenköpfigen Aufarbeitungskommission hat die  Landesregierung vorgeschlagen. Berufen wurde die Kommission vom Bischof.  Dieser Leserbrief nun zur Richtigstellung:  Eine „Anmerkung“ zu einem Leserbrief fühlt sich an wie ein Todesurteil für die  Glaubwürdigkeit. Eine Richtigstellung, ein „Passt-auf: Fake-News!“. So hereingebrochen über  meinem Leserbrief am 25.2.2022 und damit auch über mich! Worum ging es? Die Besetzung der  Aufarbeitungskommission hat Bischof Dr. Fürst „gesteuert“, so meine Aussage, und zwar  bezüglich aller Mitglieder, sowohl der Betroffenen wie der „Unabhängigen“ der  Landesregierung. Diese Aussage war für den Redakteur nicht belegt. Und dann kam aus Gründen  der Fürsorge (danke dafür!) die besagte Anmerkung. Meine Aussage fußt auf eine Mail, die  allerdings dem Redakteur noch nicht vorlag. Darin steht, dass die Landesregierung der Diözese  eine Liste übergeben hat und die endgültige Auswahl der Mitglieder durch die Diözese erfolgt ist.  Ich denke, das darf man als „Steuerung“ einstufen. Also war meine Aussage keine Spekulation  (ich kündige an, wenn ich spekuliere), sondern eine Tatsache. Und nun hoffe ich darauf, dass  dieser Leserbrief in der Zählung nicht berücksichtigt wird, sondern als „Anmerkung“ zur  Anmerkung gewertet wird. Schwäbisches Tagblatt 25. Februar 2022 Gefühlt war es eine Premiere: nach 12 Jahren wurde in der RoPo zum ersten Mal wieder eine  redaktionelle Seite veröffentlicht, die sich kritisch mit der Katholischen Kirche und dem Agieren von  Bischof Dr. Fürst auseinander setzt. Der Gegenstand der Recherche: die Aufarbeitungskommission,  die dem Namen niemals gerecht werden kann, vermutlich auch nicht darf. Eingerichtet von einem  Bischof, der alles steuert: die Auswahl der Betroffenen, die Auswahl der unabhängigen Mitglieder  und den Zugang zu den Akten. Die Politik stellt fest: Die Katholische Kirche kann den Missbrauch  nicht aufarbeiten, ich sage: Sie will es auch nicht. Dr. Fürst ging nach dem Bericht in die Offensive.  Aussagen über Zölibat und Weihe von Frauen kamen in die Medien, sie berühren uns emotional -  und sollen ablenken. Mit Erfolg. Im überregionalen Teil der Südwestpresse kein kritisches  Nachfragen, insbesondere nicht zu möglichen Verwicklungen in Vertuschungsaktionen. Ohne  Nachbohren, ohne Akteneinsicht keine Erkenntnis. Ich bin dankbar, dass die von mir  wahrgenommene Hofberichterstattung der RoPo zu Ende ist. Wir brauchen investigativen, kritischen  Journalismus als Wahrnehmung der Aufgabe der vierten Gewalt im Staat.  Schwäbisches Tagblatt 9. April 2022 Vorwort zum besseren Verständnis:Zitate aus der Südwestpresse vom 4.4.2022 bilden die inhaltliche Grundlage des Leserbriefs.  In der Reihenfolge der Zitate:  1 Oliver Hermes vom Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft zu Sanktionen gegenüber Russland 2 und 3 Bericht über die Einsetzung von Klaus Rennemann als Stadtpfarrer in Rottenburg 4 Stefanie Brenner über ihre Arbeit mit ehemaligen Heimkindern   Montagmorgen Tagblattlektüre: getrennt gelesen und in Summe gesetzt: „Ziel der westlichen  Sanktionspolitik ist eine Verhaltensänderung der russischen Führung, nicht die völlige  Zerstörung der Wirtschaft und die Verarmung der Bevölkerung. - Auch die Kirche sei in einer  Krise und brauche Visionen und Gottvertrauen, um die Dinge zum Besseren zu wenden. -  Bischof Fürst bittet darum, den neuen Dompfarrer nach Kräften zu unterstützen.“ Das Band,  das die Zitate verbindet, ist Engagement für ein positiv-erfülltes Leben aller Menschen,  ausgerichtet an der Würde. „Für Betroffene ist es elementar, über Vergangenes zu sprechen.“  Also geht es auch um Aufarbeitung. Dieser Blick in den Spiegel der eigenen Fehler fällt  schwer. Und die Menschen, die uns den Spiegel vorhalten, sind nicht gern gesehen – privat  nicht und noch weniger im Club der Mächtigen aus Politik und Wirtschaft. Die Furcht vor  Imageschäden ist immens und führt zu Ausgrenzung, Diffamierung, Vertuschung. Die  Katholische Kirche reagiert genauso panisch und erschlägt moralische Verantwortlichkeit mit  Kirchenrecht, auch in Rottenburg. Die Dinge zum Besseren wenden heißt: Altes aufarbeiten  und Neues in Gang bringen. Beides! Zeitnah! Schwäbisches Tagblatt vom 21. Mai 2022 Vorwort zum besseren Verständnis:am 13. Mai wurde über ein Gutachten berichtet, das sich mit den Namensgebern  der Eberhard-Karls-Universität Tübingen beschäftigt hatte.  Insbesondere die Ausweisung der jüdischen Mitbürger:innen aus Tübingen unter  Graf Eberhard im Barte wird von Studierenden problematisiert.   Ulrich Jansen zieht aus dem Gutachten eine spannende Erkenntnis: dass nicht nur die Regierenden,  sondern auch die Regierten anfällig für autoritäre und antisemitische Einstellungen waren (und sind).  Sigrid Hirbodian, die das Gutachten vorstellte, wird zitiert, dass sich Eberhard in seiner Einstellung  „von seinen Zeit- und Standesgenossen“ nicht besonders unterschieden hätte. Beides stimmt - und  beides taugt dazu, brandgefährlich zu relativieren.  Wir erfahren: Chef:in hat Macht, den Urlaubsantrag zu unterschreiben. Wir wissen: Machthaber  machen Gesetze oder ordnen Ausweisungen an. Wir leben in einer Zeit, in der Machtansprüche  überprüft und Verantwortliche bei Versagen auch zur Verantwortung gezogen werden könn(t)en.  Wer die Würde von Menschen verletzt, muss dazu entweder legitimiert sein (Strafvollzug) oder muss  sich dafür verantworten (Diskriminierung von Lesben und Schwule). So funktioniert Demokratie,  leider (noch) nicht die Katholische Kirche mit ihrem gewählten Monarchen (männlich, Kleriker) an der  Spitze. Kann nicht sein? Ist so!  Was tun? fragt Jansen. Mein Vorschlag: Entscheider:innen als verantwortlich benennen, auch in der  Kirche. Und „Hände weg!“ von Relativierungen.  Vorwort zum Verständnis: in einem Missbrauchsfall im Landkreis Tübingen waren von der behandelnden Psychotherapeutin Hinweise an das Jugendamt und an den Landrat gegangen, die ein Herausnehmen von zwei Mädchen aus einer Pflegefamilie forderten. Jugendamt und Landrat reagierten: Nicht im Sinne der Mädchen, sondern gegen die Therapeutin. Es gab Anzeigen, die juristsich überprüft wurden. Dann die Aussage (Tagblatt vom 21. Mai 2022, Ermittlungen eingestellt): Alles rechtlich ok. Dazu der Leserbrief.  Schwäbisches Tagblatt 7. Juni 2022  „keine Rechtsfehler“ wurden dem Jugendamt und dem Landrat attestiert. So wird es wohl sein – wenn man nur die juristische Seite sieht. Natürlich haben sich Jugendamt und Landrat schuldig gemacht – moralisch-, nur werden sie die Schuld für sich nicht annehmen, weil die juristische Bewertung sie freispricht. Ich denke, das macht Menschen mit Macht aus: was juristisch geht, ist auch moralisch ok. Aber so leicht dürfen wir es ihnen nicht machen, weil das Recht eben biegsam ist. „Wer die Macht hat, hat das Recht, und wer das Recht hat, beugt es auch,“ so Carl Orff 1943 in seiner Oper „Die Kluge“. Moralisch, und todesmutig. Meine Forderung: Ich will moralisches Handeln und Verantwortung der Mächtigen! Auch in der Institution, die ihren Gläubigen Moral vorschreibt. Der Umgang mit Missbrauch in unserer Diözese belegt es, auch sie hält sich lieber an das (Kirchen-)Recht. Detailliert nachzulesen unter www.karlheinz-heiss.de. Zum Schluss der Blick auf die Redaktion: auf dem Tisch das Tintenfass „Moral“, ab und an ein Paar Spritzer davon ins Tagblatt und sonst beflissen im Einklang mit der Macht berichten. „Schlag nicht nach der Hand, die dich füttert!“ auch so ein (unmoralischer) Satz… Schwäbisches Tagblatt 6. August 2022  Worüber schreibt ein Chefredakteur, wenn er nicht weiß, worüber er schreiben soll? Über „heiße Luft“ (und setzt damit selbst viel von selbiger in die Welt). Das Übrigens von Dr. Stegert vom Freitag war eine solche Luftnummer. Fazit der 3.000 Zeichen: Es ist Wahlkampf in Tü. Klar – eine Zeitung braucht auch immer wieder mehr oder minder geistreiche Füller. Dabei gäbe es echte und wichtige Themen: In Ludwigsburg wurde eine Studie vorgestellt, die wieder bestätigt, dass die Diözese Vertuschung durch Verschickung betrieben hat. Tatort Kinderheim: Erzieherin führt dem Ortspfarrer Mädchen zu, mit Wissen (oder auf Geheiß) der Oberin. Der Pfarrer missbraucht sie. Pfarrer wird nach Guatemala versetzt und nach der Rückkehr nach Metzingen. Warum schreibt Dr. Stegert darüber nicht. Ist die Beißhemmung so groß? Der Vorfall war in Ludwigsburg, stimmt. Die Diözesanleitung sitzt aber in Rottenburg und musste seit 2010 gerade mal 2 kritische Artikel bezüglich dieser unseligen, nein: kriminellen Strategie „erdulden“. Ich appelliere an die journalistische Ehre des Tagblatts. Recherchieren Sie - informieren Sie - schreiben Sie! Wegschauen schützt die Täter:innen und lässt Betroffene im Regen stehen.

Schwäbisches Tagblatt 30. September 2022

„Ein Hauptinteresse der Institution Kirche und ihrer Vertreter*innen wird bis zum heutigen Tag ein positives Image in der Öffentlichkeit sein. Diesem Ziel folgen Vertuschungsmaßnahmen ebenso wie der heute demonstrierte Aufklärungswille.“ Peng! Zwei Sätze, soeben veröffentlicht in der Studie zum sexuellen Missbrauch in der Diözese Osnabrück, sind Klatsche pur. Philipp Koebnik hat in seinem Beitrag zu Betroffenenbeirat, Kommission sexueller Missbrauch und Aufarbeitungskommission dankenswerterweise noch einmal auf die personelle Verflechtung der verschiedenen Kommissionen hingewiesen. Wer allein den Begriff „gleichzeitig“ mit seinen sprachlichen Abwandlungen zählt, wird sich die Augen reiben. Ich bin gespannt, ob sich „Vertuschen durch Verschicken“ irgendwann im Kommissionsbericht findet. W. E., Pfarrer in Brüssel, outet sich 2005 als Missbrauchstäter, bleibt dort bis 2007, danach Seelsorger in Mallorca. Und das, obwohl sich die Bischöfe 2002 verpflichten, Täter vom unmittelbaren Kontakt zu Kindern und Jugendlichen fernzuhalten. Ganz deutlich: „Erkennbar handlungsleitend war das Ziel Geheimhaltung“ – fatal, wenn Aufarbeitung durch das „gleichzeitig“ das Vertuschen vertuschen hülfe.
© Karlheinz Heiss
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zurück zurück Schwäbisches Tagblatt vom 6. Oktober 2021  Katholik:innen, insbesondere diejenigen, die auf die Aufarbeitung  des Missbrauchsskandals hoffen, sind frustriert: der Papst zieht keine  personellen Konsequenzen in Köln (Woelki) und Hamburg (Heße).  Bitter, nicht nur für Betroffene!  Und wie sieht es mit der Aufarbeitung bei uns aus?  „Im Aufbau“, erklärt die Diözese: „Personen sind noch nicht ernannt,  aber fest im Blick. Für eine Übergangszeit ernennt der Bischof zwei  Opfervertreter für die Mitgliedschaft in der Aufarbeitungskommission.“  Vor elf Jahren wurde das Thema Missbrauch mit „Streuobst“  des Wurmlinger Autors Anton Birlinger im Dekanat Rottenburg greif- bar, 2018 benennt eine großangelegte Studie ein strukturelles  Problem in der Kirche als Mitursache des Missbrauchs.  Bischof Dr. Fürst muss "übergangsweise" zwei Betroffene ernennen,  weil der Teilnahme-Aufruf an Betroffene noch aussteht.  Warum das so lange dauert? Das würde mich auch interessieren.  Ob die zwei "Ernannten" in der Aufarbeitungskommission überhaupt  eine Chance auf Gehör und Mitgestaltung des Prozesses haben,  wenn gleichzeitig drei Vertreter:innen des Landes BW und „kundige“  Menschen aus der Diözesankurie mit beraten?  Wir werden sehen, spannend wird es allemal.          Schwäbisches Tagblatt vom 20. November 2021  Aktion Mensch will die „Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt“ in Tübingen mit insgesamt 300.000 € unterstützen. Eine sehr gute Entscheidung und die Frage an die Gesellschaft, wieso solche Einrichtungen überhaupt notwendig sind. Nach wie vor gibt es sexuelle Gewalt und die Familie ist der Hotspot. Väter führen die Täterliste an-das ist bitter, traurig und ich frage mich, ob die Gesellschaft diese Statistik irgendwann einmal als eine Erscheinung aus früheren Jahren betrachten darf. Beim Blick auf die Förderer von TIMA und Pfunzkerle fällt auf, dass die Kirchen nicht erwähnt sind. Warum eigentlich? Vielleicht, weil die Prävention mittlerweile als gut aufgestellt gilt? Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sowohl die Evangelische wie die Katholische Kirche ein massives Problem mit der Aufarbeitung des Missbrauchs haben. Betroffene verlassen die Beiräte und fühlen sich durch die Vorgehensweise der kirchlichen Stellen ein weiteres Mal missbraucht. Wir blicken in unserer Diözese jetzt auf fast 20 Jahre Umgang mit dem Missbrauch zurück, doch in punkto Aufarbeitung nehmen wir ein geschäftiges Nichtstun wahr, und nichts lässt darauf schließen, dass sich etwas ändern soll.  Zur Erklärung:  TIMA ist die Tübinger Initiative für Mädchen*arbeit PFUNZKERLE e.V. ist die Fachstelle für Jungen- und Männerarbeit in Tübingen  Schwäbisches Tagblatt hat nicht veröffentlicht, Bezugsartikel stand im überregionalen Teil. Schade!  Kirchenrechtsprofessor Bernhard Anuth aus Tübingen wirft Kardinal Marx Pflichtverletzungen im Umgang mit einem Missbrauchstäter vor. Marx habe 2008 eine psychiatrische Begutachtung beauftragt und ihn versetzt, aber keine interne Voruntersuchung angeordnet und den Fall nicht nach Rom gemeldet. Dies alles steht im Zusammenhang mit Vorwürfen gegen Kardinal Ratzinger, später Papst Benedikt XVI. „Ein jegliches hat seine Zeit“ – nun hat also das Schonen Benedikts ein Ende. Köln ist weit, München ebenso. Und bei uns? Ich bin gespannt, wann der Fall W. E. und das mit München zu vergleichende „problematische“ Handeln des Bistums prominent in die Medien kommt. Dort fungierte der Generalvikar als Prellbock gegen Angriffe auf Ratzinger - in Rottenburg führt Bischof Dr. Fürst gern an, dass er gemäß den Empfehlungen der Kommission sexueller Missbrauch entscheidet. Prof. Anuth ist ihr stellvertretender Vorsitzender. Spätestens, wenn (falls) in unserer Diözese eine Wahrheitskommission ihre Arbeit aufnimmt, wird „der Fall“ öffentlich diskutiert und das Agieren der Kommission zu bewerten sein. Insbesondere ihre Vernetzung/Verschränkung/Abhängigkeit zur Diözesanleitung während der letzten 20 Jahre.   Schwäbisches Tagblatt 25. Januar 2022   In Rottenburg swingt Bischof Dr. Fürst zu philippinischer Gitarrenmusik, in München geht der Schrecken einer neuen Missbrauchsstudie um und in Rom betreibt Papst Franziskus Kinderlosenbashing: Einheit in Vielfalt. Wie heil erscheint uns in der Region doch unsere katholische Welt. Mitnichten: Auch in Rottenburg wurde mit Missbrauch m. E. fahrlässig umgegangen. Unter Bischof Dr. Fürst wurden beschuldigte Priester in Pfarreien belassen, einem geständigen Missbrauchstäter wieder Kinder- und Jugendarbeit ermöglicht. Schnee von gestern? Das Brausen von Köln und München wird auch Rottenburg erreichen, davon bin ich überzeugt. Alle Bischöfe fühlten sich sicher – fest verschlossen waren die Fälle in den Geheimarchiven. Köln, München, Rottenburg - nur noch eine Frage der Zeit. Meine Forderung: Aufarbeitung durch eine „Wahrheitskommission“ mit einer sauberen, wissenschaftlich fundierten Recherche im Geheimarchiv vorab und einer paritätischen Besetzung mit Betroffenen und Kirchenvertretern, öffentlichen Sitzungen unter Leitung unabhängiger Persönlichkeiten und einem ausführlichen, jederzeit zugänglichen Schlussbericht. Aufarbeitung in Kirchenhand? Wäre längst möglich gewesen. Schwäbisches Tagblatt 25.2.2022  Gefühlt war es eine Premiere: nach 12 Jahren wurde in der RoPo  zum ersten Mal wieder eine redaktionelle Seite veröffentlicht, die  sich kritisch mit der Katholischen Kirche und dem Agieren von  Bischof Dr. Fürst auseinander setzt. Der Gegenstand der  Recherche: die Aufarbeitungskommission, die dem Namen  niemals gerecht werden kann, vermutlich auch nicht darf.  Eingerichtet von einem Bischof, der alles steuert: die Auswahl der  Betroffenen, die Auswahl der unabhängigen Mitglieder und den Z ugang zu den Akten. Die Politik stellt fest: Die Katholische Kirche  kann den Missbrauch nicht aufarbeiten, ich sage: Sie will es auch  nicht. Dr. Fürst ging nach dem Bericht in die Offensive. Aussagen  über Zölibat und Weihe von Frauen kamen in die Medien, sie  berühren uns emotional - und sollen ablenken. Mit Erfolg.  Im überregionalen Teil der Südwestpresse kein kritisches  Nachfragen, insbesondere nicht zu möglichen Verwicklungen  in Vertuschungsaktionen. Ohne Nachbohren, ohne Akteneinsicht  keine Erkenntnis. Ich bin dankbar, dass die von mir wahrge- nommene Hofberichterstattung der RoPo zu Ende ist.  Wir brauchen investigativen, kritischen Journalismus als  Wahrnehmung der Aufgabe der vierten Gewalt im Staat.  Schwäbisches Tagblatt 5. März 2022  Zu meinem letzten Leserbrief (s. u.) war folgende Anmerkung der  Redaktion zu lesen:  Drei Mitglieder der siebenköpfigen Aufarbeitungskommission hat die  Landesregierung vorgeschlagen. Berufen wurde die Kommission vom  Bischof.  Dieser Leserbrief nun zur Richtigstellung:  Eine „Anmerkung“ zu einem Leserbrief fühlt sich an wie ein Todes- urteil für die Glaubwürdigkeit. Eine Richtigstellung, ein „Passt-auf:  Fake-News!“. So hereingebrochen über meinem Leserbrief am  25.2.2022 und damit auch über mich! Worum ging es?  Die Besetzung der Aufarbeitungskommission hat Bischof Dr. Fürst  „gesteuert“, so meine Aussage, und zwar bezüglich aller Mitglieder,  sowohl der Betroffenen wie der „Unabhängigen“ der Landes- regierung. Diese Aussage war für den Redakteur nicht belegt.  Und dann kam aus Gründen der Fürsorge (danke dafür!) die  besagte Anmerkung. Meine Aussage fußt auf eine Mail, die  allerdings dem Redakteur noch nicht vorlag. Darin steht, dass  die Landesregierung der Diözese eine Liste übergeben hat und  die endgültige Auswahl der Mitglieder durch die Diözese erfolgt ist.  Ich denke, das darf man als „Steuerung“ einstufen. Also war meine  Aussage keine Spekulation (ich kündige an, wenn ich spekuliere),  sondern eine Tatsache. Und nun hoffe ich darauf, dass  dieser Leserbrief in der Zählung nicht berücksichtigt wird,  sondern als „Anmerkung“ zur Anmerkung gewertet wird.  Schwäbisches Tagblatt 9. April 2022  Vorwort zum besseren Verständnis:Zitate aus der Südwestpresse vom 4.4.2022 bilden die inhaltliche Grundlage des Leserbriefs.  In der Reihenfolge der Zitate:  1 Oliver Hermes vom Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft zu Sanktionen gegenüber Russland 2 und 3 Bericht über die Einsetzung von Klaus Rennemann als Stadtpfarrer in Rottenburg 4 Stefanie Brenner über ihre Arbeit mit ehemaligen Heimkindern   Montagmorgen Tagblattlektüre: getrennt gelesen und in Summe gesetzt: „Ziel der westlichen Sanktionspolitik ist eine Verhaltens-änderung der russischen Führung, nicht die völlige Zerstörung der  Wirtschaft und die Verarmung der Bevölkerung. - Auch die Kirche sei in einer Krise und brauche Visionen und Gottvertrauen, um die Dinge zum Besseren zu wenden. - Bischof Fürst bittet darum, den neuen Dompfarrer nach Kräften zu unterstützen.“ Das Band,  das die Zitate verbindet, ist Engagement für ein positiv-erfülltes Leben aller Menschen, ausgerichtet an der Würde. „Für Betroffene ist es elementar, über Vergangenes zu sprechen.“  Also geht es auch um Aufarbeitung. Dieser Blick in den Spiegel der  eigenen Fehler fällt schwer. Und die Menschen, die uns den Spiegel  vorhalten, sind nicht gern gesehen – privat nicht und noch weniger  im Club der Mächtigen aus Politik und Wirtschaft. Die Furcht vor  Imageschäden ist immens und führt zu Ausgrenzung, Diffamierung,  Vertuschung. Die Katholische Kirche reagiert genauso panisch und  erschlägt moralische Verantwortlichkeit mit Kirchenrecht, auch in  Rottenburg. Die Dinge zum Besseren wenden heißt: Altes auf- arbeiten und Neues in Gang bringen. Beides! Zeitnah!  Schwäbisches Tagblatt noch nicht veröffentlicht  Vorwort zum besseren Verständnis:am 13. Mai wurde über ein Gutachten berichtet, das sich mit den Namensgebern der Eberhard-Karls-Universität Tübingen beschäftigt hatte. Insbesondere die Ausweisung der jüdischen Mitbürger:innen aus Tübingen unter Graf Eberhard im Barte wird von Studierenden problematisiert.   Ulrich Jansen zieht aus dem Gutachten eine spannende Erkenntnis: dass nicht nur die Regierenden, sondern auch die Regierten anfällig für autoritäre und antisemitische Einstellungen waren (und sind).  Sigrid Hirbodian, die das Gutachten vorstellte, wird zitiert, dass sich Eberhard in seiner Einstellung „von seinen Zeit- und Standes-genossen“ nicht besonders unterschieden hätte. Beides stimmt - und  beides taugt dazu, brandgefährlich zu relativieren.  Wir erfahren: Chef:in hat Macht, den Urlaubsantrag zu unterschreiben. Wir wissen: Machthaber machen Gesetze oder ordnen Ausweisungen an. Wir leben in einer Zeit, in der Machtansprüche überprüft und Verantwortliche bei Versagen auch zur Verantwortung gezogen werden könn(t)en.  Wer die Würde von Menschen verletzt, muss dazu entweder legitimiert sein (Strafvollzug) oder muss sich dafür verantworten (Diskriminierung von Lesben und Schwule). So funktioniert Demokratie, leider (noch) nicht die Katholische Kirche mit ihrem gewählten Monarchen (männlich, Kleriker) an der Spitze. Kann nicht sein? Ist so!  Was tun? fragt Jansen. Mein Vorschlag: Entscheider:innen als verantwortlich benennen, auch in der Kirche. Und „Hände weg!“ von Relativierungen.  Vorwort zum Verständnis: in einem Missbrauchsfall im Landkreis Tübingen waren von der behandelnden Psychotherapeutin Hinweise an das Jugendamt und an den Landrat gegangen, die ein Herausnehmen von zwei Mädchen aus einer Pflegefamilie forderten. Jugendamt und Landrat reagierten: Nicht im Sinne der Mädchen, sondern gegen die Therapeutin. Es gab Anzeigen, die juristsich überprüft wurden. Dann die Aussage (Tagblatt vom 21. Mai 2022, Ermittlungen eingestellt): Alles rechtlich ok. Dazu der Leserbrief.  Schwäbisches Tagblatt 7. Juni 2022  „keine Rechtsfehler“ wurden dem Jugendamt und dem Landrat attestiert. So wird es wohl sein – wenn man nur die juristische Seite sieht. Natürlich haben sich Jugendamt und Landrat schuldig gemacht – moralisch-, nur werden sie die Schuld für sich nicht annehmen, weil die juristische Bewertung sie freispricht. Ich denke, das macht Menschen mit Macht aus: was juristisch geht, ist auch moralisch ok. Aber so leicht dürfen wir es ihnen nicht machen, weil das Recht eben biegsam ist. „Wer die Macht hat, hat das Recht, und wer das Recht hat, beugt es auch,“ so Carl Orff 1943 in seiner Oper „Die Kluge“. Moralisch, und todesmutig. Meine Forderung: Ich will moralisches Handeln und Verantwortung der Mächtigen! Auch in der Institution, die ihren Gläubigen Moral vorschreibt. Der Umgang mit Missbrauch in unserer Diözese belegt es, auch sie hält sich lieber an das (Kirchen-)Recht. Detailliert nachzulesen unter www.karlheinz-heiss.de. Zum Schluss der Blick auf die Redaktion: auf dem Tisch das Tintenfass „Moral“, ab und an ein Paar Spritzer davon ins Tagblatt und sonst beflissen im Einklang mit der Macht berichten. „Schlag nicht nach der Hand, die dich füttert!“ auch so ein (unmoralischer) Satz…  Schwäbisches Tagblatt 6. August 2022  Worüber schreibt ein Chefredakteur, wenn er nicht weiß, worüber er schreiben soll? Über „heiße Luft“ (und setzt damit selbst viel von selbiger in die Welt). Das Übrigens von Dr. Stegert vom Freitag war eine solche Luftnummer. Fazit der 3.000 Zeichen: Es ist Wahlkampf in Tü. Klar – eine Zeitung braucht auch immer wieder mehr oder minder geistreiche Füller. Dabei gäbe es echte und wichtige Themen: In Ludwigsburg wurde eine Studie vorgestellt, die wieder bestätigt, dass die Diözese Vertuschung durch Verschickung betrieben hat. Tatort Kinderheim: Erzieherin führt dem Ortspfarrer Mädchen zu, mit Wissen (oder auf Geheiß) der Oberin. Der Pfarrer missbraucht sie. Pfarrer wird nach Guatemala versetzt und nach der Rückkehr nach Metzingen. Warum schreibt Dr. Stegert darüber nicht. Ist die Beißhemmung so groß? Der Vorfall war in Ludwigsburg, stimmt. Die Diözesanleitung sitzt aber in Rottenburg und musste seit 2010 gerade mal 2 kritische Artikel bezüglich dieser unseligen, nein: kriminellen Strategie „erdulden“. Ich appelliere an die journalistische Ehre des Tagblatts. Recherchieren Sie - informieren Sie - schreiben Sie! Wegschauen schützt die Täter:innen und lässt Betroffene im Regen stehen.

Schwäbisches Tagblatt 30. September 2022

„Ein Hauptinteresse der Institution Kirche und ihrer Vertreter*innen wird bis zum heutigen Tag ein positives Image in der Öffentlichkeit sein. Diesem Ziel folgen Vertuschungsmaßnahmen ebenso wie der heute demonstrierte Aufklärungswille.“ Peng! Zwei Sätze, soeben veröffentlicht in der Studie zum sexuellen Missbrauch in der Diözese Osnabrück, sind Klatsche pur. Philipp Koebnik hat in seinem Beitrag zu Betroffenenbeirat, Kommission sexueller Missbrauch und Aufarbeitungskommission dankenswerterweise noch einmal auf die personelle Verflechtung der verschiedenen Kommissionen hingewiesen. Wer allein den Begriff „gleichzeitig“ mit seinen sprachlichen Abwandlungen zählt, wird sich die Augen reiben. Ich bin gespannt, ob sich „Vertuschen durch Verschicken“ irgendwann im Kommissionsbericht findet. W. E., Pfarrer in Brüssel, outet sich 2005 als Missbrauchstäter, bleibt dort bis 2007, danach Seelsorger in Mallorca. Und das, obwohl sich die Bischöfe 2002 verpflichten, Täter vom unmittelbaren Kontakt zu Kindern und Jugendlichen fernzuhalten. Ganz deutlich: „Erkennbar handlungsleitend war das Ziel Geheimhaltung“ – fatal, wenn Aufarbeitung durch das „gleichzeitig“ das Vertuschen vertuschen hülfe.