© Karlheinz Heiss
Karlheinz Heiss
„ein Priester tut so etwas nicht“ „ein Priester tut so etwas nicht“ „Nachdenken“ „Nachdenken“ Leserbriefe Leserbriefe „Schwarze Pädagogik“ „Schwarze Pädagogik“ Wahrheitskommission Wahrheitskommission Aktuell: Wenn Sie mich fragen … Aktuell: Wenn Sie mich fragen …

Kontaktaufnahme

Buchbestellung

aktualisiert am 20.11.2022
bearbeitet: Titelseite
„Aufarbeitung. So nicht!“ „Aufarbeitung. So nicht!“ das Kleingedruckte das Kleingedruckte Vortrag Vortrag
Termine: 7. Februar 2023, 19.30, Katholisches Gemeindehaus Eutingen-Göttelfingen Missbrauch in der Katholischen Kirche - wie Aufarbeitung gelingen könnte 20. November 2022: Kommentar zu 30 Jahre Katechismus der Katholischen Kirche unter: K-Punkt Rottenburg - YouTube
Ein Priester aus der Diözese schrieb mir, er sei entsetzt, "wie das auch in unserer Diözese immer noch gehandhabt wird, wenn es um die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der Kirche geht." TRANSPARENZ? - Fehlanzeige! Die Anfrage ging an das Büro des Generalvikars Dr. Stroppel und an die Vorsitzende des Betroffenenbeirats Frau Johanna Beck. Antwort? - Keine.  Mit Transparenz hat das nichts zu tun, sondern mit „mauern“. Aber letztendlich profitiert doch niemand von dieser Haltung. Selbst die von der Diözese neu eingesetzte Aufarbeitungskommission bemängelt in ihrem Bericht über ihre erste Sitzung das Verfahren: Unter https://ak.drs.de ist zu lesen: „Die Kommissionsmitglieder stellen einstimmig fest: Die Aufarbeitungskommission hätte erwartet, dass Betroffenenvertreter bei der Erarbeitung des Bischofsschreibens an Betroffene zur Konstituierung eines Betroffenenbeirats einbezogen worden wären.“ Statt dessen war die Ablehnung einer Mitwirkung vorprogrammiert. Das spiegelt auch die Feststellung eines Betroffenen:  „Anfang Januar bekam ich ja auch so ein „Bewerbungsschreiben“ mit vielen Fragen. Einige Seiten mussten da beantwortet werden, die ich nicht passend und überhaupt nicht angenehm empfunden habe. Damals dachte ich, wie kann man auf dieser Fragebogen-Basis Leute für die bekannte Sache gewinnen. Die Ausführungen und die Betrachtung des Fragebogens waren für mich u.a. der Auslöser einer Absage an den Absender.“  Der Kölner Landgerichtspräsident Roland Ketterle brachte es auf den Punkt: „Dass die Institution, aus der ein Täter kommt, anhand ihrer eigenen Akten ermittelt, sodann den Richter stellt und auch noch über die Entschädigung mitbestimmt - einen solchen ‚In-sich-Prozess‘ gibt es in der Staatlichen Ordnung nicht“. Und den sollte es vor allem in der Aufarbeitung des Missbrauchs auch nicht geben. Wann endlich kommt dies auch bei unserer Kirchenleitung an?  Unter der Überschrift „Manchmal reicht der Blick auf das „Original“ hatte ich diese Notiz über die Bildung des Betroffenenbeirats geschrieben: 14,80 €  9,00 €   15,80 €  Schutzgebühr: 5 € Bischof beruft Mitglieder des  Betroffenenbeirat - und verletzt die Rahmenordnung von 2020    Am 5. Mai 2022 gab es eine Pressemeldung der Diözese mit dieser Überschrift. Die ganze Pressenotiz ist zu finden unter https://www.drs.de/ansicht/artikel/bischof-beruft-mitglieder-des-betroffenenbeirats.html  Ein Fortschritt, gar der Erfolg der langen Bemühungen der Betroffenen? Abgesehen davon, dass es zwei Jahre gedauert hat, bis die 5 Männer und 2 Frauen berufen wurden, stellen sich natürlich Fragen zum Verfahren selbst.  •	Warum wollte sich die Diözese nicht an den Inhalt der gemeinsam verabschiedeten Rahmenordnung halten, bei der unter 1.2. eine öffentliche Ausschreibung vorgesehen ist?   •	Wurden stattdessen alle 171 Betroffene angeschrieben?  •	Wieviel haben sich gemeldet?  •	Gab es eine Wahl?  •	Eine Quote?  •	Wenn es keine Wahl gab, nach welchen Kriterien hat der Bischof ausgewählt?  •	Wurde die Betroffeneninitiative Südwest mit in die Auswahl eingebunden?  Darüber steht nichts in der Presseerklärung, deshalb wird es  eine Nachfrage bei der Diözese geben.  Mal sehen, wie transparent die Entscheidung gemacht wird!   Akten, Akten, Akten! Die Aufarbeitung des Missbrauchs in der Katholischen Kirche hat sehr viel mit den Möglichkeiten zu tun, auf  ein gesichertes Aktenmaterial zurückzugreifen.  Insbesondere, wenn es um Zeiträume geht, die sich mit persönlichen Gesprächen und Befragungen nicht  mehr aufschließen lassen. Auch die Akteneinsicht von Betroffenen ist eine Forderung, die  zurecht besteht, aber meist an der kirchlichen Praxis des bischöflichen Geheimarchivs scheitert. Da dieses Problem wieder bei der Veröffentlichung des ersten Zwischenberichts der Aufarbeitungs- kommission in Trier deutlich erkennbar wurde, will ich auf eine Veranstaltung im Juni 2022 hinweisen, bei der es um eben den Umgang mit den Akten ging. Die zitierten Zeilen stammen aus katholisch.de: „Gleich zu Beginn der Veranstaltung startete der religionspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Lars Castellucci,  mit einem Paukenschlag: Er forderte einen Neustart bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen. Sie müsse  verbindlicher und zügiger erfolgen, sagte der SPD-Politiker am Donnerstag in Berlin. Dabei sei auch die Politik  gefragt. Die Möglichkeit der Akteneinsicht müsse verbessert werden, es dürfe keine weiteren Akten der "Brüder im Nebel"  geben, so Castellucci unter Bezugnahme auf den Titel eines persönlich geführten Ordners des früheren und  inzwischen verstorbenen Kölner Kardinals Joachim Meisner, den die Verantwortlichen seinerzeit bei den  Untersuchungen für ein Gutachten im Auftrag des Erzbistums fanden. Darin waren Geistliche aufgeführt, die  Missbrauch begangen haben. Der SPD-Abgeordnete warb zudem erneut dafür, das Amt des Missbrauchsbeauftragten sowie der unabhängigen  Aufarbeitungskommission gesetzlich zu verankern. Die bisherige Konstruktion sei "zu schwach", das Amt und  die Kommission verfügten über zu wenige Rechte. Castellucci war einer der Vertreter aus der Politik, die am Donnerstag zur Tagung mit dem Titel "Aufarbeitung,  Akten, Archive - Zum Umgang mit sensiblen Dokumenten" eingeladen waren. Als Veranstalter hatte die 2016  eingesetzte unabhängige Aufarbeitungskommission gegen sexuellen Missbrauch auch Experten aus  Wissenschaft sowie Betroffene eingeladen. Fast einvernehmlich sprachen sie diese für einen besseren Zugang zu Archiven aus. Ein Einblick werde mit  juristischen Begründungen verwehrt, deren Berechtigung oft nicht nachvollziehbar sei, sagte etwa der Münchner  Sozialpsychologe Heiner Keupp, der auch in der Aufarbeitungskommission sitzt. Hier sei ein Paradigmenwechsel  nötig. Der Sprecher des Eckigen Tisches, Matthias Katsch - ebenfalls Mitglied der Aufarbeitungskommission -,  betonte, es dürfe nicht sein, dass Akten nicht systematisch aufbewahrt würden. Es müsse "gesicherte Rechte für  Betroffene geben, dass Akten so lange erhalten bleiben, wie sie notwendig sind". Vertreter aus der Schweiz wie die Archivarin Barbara Studer Immenhauser vom Staatsarchiv Kanton Bern führten  aus, dass dort in einem längeren Prozess und unter Beteiligung der Bevölkerung eine leichtere Einsicht in Akten  erreicht wurde.  Der Philologe Terence McKierman erläuterte, wie es zur Gründung der Plattform BishopAccountability.org kam.  Auf der US-amerikanischen Website sind vor allem kircheninterne Akten- und Datenmaterialien zum sexuellen  Missbrauch in der katholischen Kirche publiziert.“ Wer sieht, wie das Wirken des „hochverdienten“ Erzbischofs Stehle jetzt beurteilt wird, kann sich auch vorstellen,  warum Menschen im Umfeld so darauf bedacht sind, diese Menschen zu schützen. Zuviel an eigener Identität  steht mit einer realistischen Sichtweise auf die Emminenzen auf dem Spiel. Und noch ein Gedanke: es wurden  bislang nur Akten ab 1945 untersucht. Was also, wenn sichtbar wird, dass das Thema Missbrauch auch in Akten  vor 1945 dokumentiert wurde. Dann könnte der kurz vor der Seligsprechung stehende Bischof Sproll auf einmal  eine negative Schlagseite bekommen. So wie sich jetzt der Verdacht auftut, dass Bischof Moser den Ludwigsburger  Pfarrer Metzler ins Exil nach Guatemala geschickt hat, um ihn einige Jahre später in Metzingen einzusetzen.  Diese Dinge gehören dringend aufgearbeitet. Bislang entzieht sich das Bistum einer unabhängigen Untersuchung in Form eine Studie, wie sie andere Diözesen gemacht haben. Aber letztendlich wird doch alles herauskommen,  gemäß dem schönen Satz: „Die Sonne bringt es an den Tag.“    Wann folgt die zweite Katastrophe? Alle, die sich vom Synodalen Weg eine echte Neuorientierung der Katholischen Kirche hin zu den Werten unserer Gesellschaft erhofft hatten, wurden gestern eines Besseren belehrt. Das erste Synodenpapier, das sich mit der Sexualmoral beschäftigt hat und unter der Überschrift „Leben in gelingenden Beziehungen - Grundlinien einer erneuerten Sexualethik" nun in zweiter Lesung hätte beschlossen werden sollen, scheiterte am Votum der Bischöfe. Interessant ist der Blick auf das Abstimmungsverhalten. (Die Zahlen stammen aus einer Veröffentlichung von katholisch.de)  62 Bischöfe waren vor Ort, nur 57 gaben ihre Stimme ab. Da fragt man sich, warum 5 ihrer Stimme keinen Ausdruck verleihen wollten oder konnten. Wahlaufruf zu den Bundestagswahlen veröffentlichen und dann bei einer historischen Wahl nicht mitwählen. Geht eigentlich gar nicht! 3 Bischöfe enthielten sich der Stimme. Vermutlich konnten sie bei manchen Dingen mitgehen, bei anderen wiederum nicht. 22 Bischöfe stimmten gegen das Papier, 31 sprachen sich für die Weiterentwicklung der katholischen Sexuallehre aus.   Bitter für den Synodalen Weg, noch bitterer für alle Katholik:innen, die sich Hoffnung gemacht haben. Wie unser Rottenburger Bischof abgestimmt, weiß ich (noch) nicht. Spannend wäre es auf alle Fälle. Und ich gebe zu, ich habe da auch eine Vermutung!
Mitglied der Gesellschaft Katholischer Publizisten

Bischof Georg Moser und der Organisationserlass A 8616/83

Mitte Oktober führte mich mein Weg ins Diözesanarchiv nach Rottenburg. Ich wollte endlich genau wissen, ob die immer wieder in Diskussionen genutzte Behauptung stimmt, der Diözesanrat habe bei einer Sitzung mit Bischof Moser beschlossen, dass künftig die Personalakten der Priester anders geführt werden sollen. Im Zuge dessen seien alle Hinweise auf Missbrauch aus den Akten genommen und vernichtet worden. Ich habe dann darum gebeten, mir Einsicht zu gewähren in die Protokolle der Sitzungen des Diözesanrats aus den Jahren, in denen Dr. Georg Moser Bischof war. Die Antwort war nicht nach meinem Wunsch. „Die Protokolle des Diözesanrats aus der Amtszeit von Bischof Moser unterliegen teilweise noch der archivrechtlichen Schutzfrist. Sie beträgt für Sachakten 40 Jahre (Anordnung über die Sicherung und Nutzung der Archive der Katholischen Kirche - KAO, § 9). Demnach kann ich Ihnen nur die Protokolle bis 1981 vorlegen. Der Organisationserlass zur Führung der Personalakten der Priester in der Diözese Rottenburg-Stuttgart stammt allerdings erst vom Januar 1985.“ so die Nachricht aus dem Diözesanarchiv. Fündig wurde ich dann doch: in den kirchlichen Amtsblättern (BO Nr. 416 – 16.1.85). Dort war der Organisationserlass A 8616/83 mit dem Datum 19.1.1984 in Auszügen veröffentlicht. Unter 3. liest sich Folgendes: „Nicht zu den Personalakten gehören Schriftstücke, die besonderen, von der Person und den Dienst des Priesters sachlich zu trennenden Zwecken dienen, auch wenn sie die persönlichen oder dienstlichen Verhältnisse des Priesters berühren.“ Ein Satz, über den man sicher lange nachdenken kann. Was könnten das für Schriftstücke sein, die einem besonderen Zweck dienen, die gleichzeitig persönliche Verhältnisse berühren aber auch von der Person sachlich getrennt werden können? Fielen beispielsweise Geburtsurkunden von Priesterkindern unter dieses Kriterium? Es bleibt Raum für Spekulationen. Unter 4. findet sich: „Vernichtet werden a) Voten (Stellungnahmen für eine Entscheidungsfindung), wenn sie nicht zur Entscheidungsfindung beitragen b) anonyme Briefe“ Schließlich unter 5.: „Der Priester wird über Beschwerden und Behauptungen tatsächlicher Art, die für ihn ungünstig sind oder ihm nachteilig sind, vor Aufnahme in die Personalakten gehört. Er hat das Recht auf Einsicht in seine vollständigen Akten.“ Natürlich bleiben Fragen zur Anwendung dieses Organisationserlasses, doch zuerst ein Beispiel, was nach Inkrafttreten des Organisationserlasses passieren konnte, so denn ein Fall von Missbrauch in einer Gemeinde ruchbar wurde. Einschub: Aus der Fallvignette eines beschuldigten Priesters: Die frühesten Vorwürfe gegen den Pfarrer stammen aus dem Jahr 1981. Damals soll er sich bei einer Freizeit der Caritas nachts an einem elfjährigen Jungen sexuell vergriffen haben. Den Stein ins Rollen bringt im Februar 2010 ein 40-jähriger Mann, der sich bei der KsM meldet. Er berichtete über eine 29 Jahre zurückliegende Missbrauchserfahrungen mit dem Geistlichen bei einer Ministrantenfreizeit in Südtirol. Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass ein heute 15-Jähriger von ihm belästigt worden sein soll. Und den Hinweis aus den 1990-er Jahren einer Haushälterin, dass ein minderjähriger Junge aus der Gemeinde aus dem Bett des Pfarrers gekommen sei. „Dem ist die Diözese nicht ernsthaft nachgegangen“ (Zitat Dr. Norbert Reuhs, Kirchenrechtler und Mitglied der KsM). Es wird eine Akte über ihn in Rottenburg angelegt. Seitdem gibt es weitere Verdachtsfälle, die der Diözese bekannt sind, die allerdings keine dienstrechtlichen Folgen für den Beschuldigten hatten. Es melden sich Zeugen. Sie versichern, dass sie der Diözese entsprechende Beobachtungen gemeldet hätten. Bischof Dr. Fürst veranlasst ein Krisengespräch, in dessen Folge der Pfarrer eine fast vier Monate währende Kur antritt. Trotz anderslautender Ankündigungen der Diözese, die zugesagt hatte, dass der Priester nach seiner Kur anderweitig eingesetzt wird, kehrt der Pfarrer an seine alte Arbeitsstelle zurück. Und macht jenen, die ihn mit ihren Beobachtungen belastet hatten, das Leben zur Qual. Ich will auf eine Veränderung hinweisen, die in der Fallvignette eher nebenbei erwähnt wird und auf das Betreiben von Bischof Fürst zurückgeht: Im Jahr 2003 nimmt die Kommission sexueller Missbrauch ihre Arbeit auf. Das hört sich zunächst unspektakulär an. Damit wird aber ein Paradigmenwechsel vollzogen, der sich für Betroffene positiv darstellt. Nochmal zurück und zusammengefasst die Vorgehensweise bei Beschuldigungen unter dem Gesichtspunkt der Umsetzung des Organisationserlasses: · Es kommt ein anonymer Hinweis auf ein Vergehen – ab in den Reißwolf! · Es kommt gleichzeitig zu einer anonymen Anzeige eine Stellungnahme, dass dies nicht die einzige Beschuldigung ist – beides ab in den Reißwolf, zuerst der oder die anonymen Briefe und sodann die Voten. · Wenn es ein Vorwurf dennoch bis in die Personalakten geschafft hat, dann tritt das Recht auf Einsicht in die Personalakten in Kraft. Und dann kann sich Hochwürden an denen rächen, die ein Votum abgegeben haben oder sogar – Schande über sie oder ihn – mit Echtnamen eine Tat angezeigt haben. Dass sich der Pfarrer der Fallvignette an den Menschen rächen konnte, die ihn beschuldigt hatten, liegt nicht an der Arbeit der Kommission, sondern am (vielleicht beabsichtigten) Vergessen einer Zusage. Mit der Berufung der Kommission ergibt sich ein anderes Bild, wie mit Beschuldigungen umgegangen wurde. Eine Kommission bearbeitet die Vorwürfe - und damit wird das direkte, unkontrolliert unbemerkte Agieren des Bischofs unter tätiger Mithilfe von persönlichen Assistenten, dem Generalvikar nebst Personalreferenten zumindest zum Teil ausgehebelt. Die Einschätzung, dass bezüglich des Pfarrers in den 1990-er Jahren die Diözese den Vorwürfen nicht „ernsthaft“ nachgegangen sei, trifft Bischof Kasper (von 1989-1999) und wenn wir den "informierten Kreis" mit hineinnehmen Dr. J. Dr. (persönlicher Assistent von 1991 bis 1999), die Generalvikare Eberhard Mühlbacher (bis 1993) und Werner Redies (1993 -2004) sowie die Personalreferenten. Kardinal Kasper wird im Juni 2019 in einem Artikel der KNA so zitiert: „In seiner Zeit als Bischof habe er beim Umgang mit Verdachtsfällen das Problem gehabt, dass die Familien der Opfer oft "massiv" gemauert hätten: "Sie wollten um jeden Preis verhindern, dass das Geschehene in irgendeiner Weise ruchbar wird. Damit waren mir als Bischof mit den rechtlichen Möglichkeiten von damals ziemlich die Hände gebunden.“ Dies pervertiert die Wirklichkeit und steht im direkten Gegensatz zur Aussage von Dr. Norbert Reuhs. Folgende Schlüsse lassen sich aus dem zitierten Interview ziehen: · Es gab Hinweise auf sexuellen Missbrauch von Priestern · Die Hinweise kamen von „außen“ zur Diözesanleitung · Die Diözese hat Kontakt zu den Familien aufgenommen · Die Familien waren an einem weiteren Vorgehen der Diözese nicht interessiert Was ist mit den Priestern geschehen, die beschuldigt wurden? Vermutlich wurden sie in eine andere Pfarrei oder im Ausland "zwischengeparkt". Ein Eintrag in die Personalakte wird unter Hinweis auf Organisationserlass A 8616/83 wohl unterblieben sein.
Am 30. Juli 2022 hat der siebenköpfige Betroffenenbeirat der Diözese seine Arbeit aufgenommen.Wie kam der Betroffenenbeirat der Diözese zu seinen Mitgliedern? Die Formalien: 2022 wurden „mehr als 200 der Diözese mit Adresse bekannten Betroffenen in einem persönlichen Brief angeschrieben und um ihre Bereitschaft gebeten hatte, im Beirat mitzuwirken.“ Dieses Prozedere hatte die Aufarbeitungskommission (in der zwei vom Bischof bestimmte Betroffenenvertreter:innen sitzen, weil es noch keinen Betroffenenbeirat gab) kritisiert. Es haben sich mehr als 40 Betroffene gemeldet, die an der Mitarbeit interessiert waren. Um die Besetzung des Betroffenenbeirats zu „steuern“, hat der Bischof ein Findungsgremium eingesetzt und dazu drei tatsächlich oder ehemals in Diensten der Diözese stehende Menschen berufen: die Theologin und Sozialethikerin Ursula Wollasch (bis 2020 Geschäftsführerin des Landesverbands Katholischer Kindertagesstätten), die Tübinger Psychologin Dr. Ursula Gasch, die für die Diözese psychologische Gutachten für Priesteramtskandidaten erstellt und Dr. Joachim Schlör, der als Dozent für Pastoralpsychologie im Priesterseminar der Diözese arbeitet. Mit 17 der mehr als 40 Betroffenen wurden Gespräche geführt. Sie waren offensichtlich in die engere Wahl gekommen. Kriterien der Vorauswahl waren, „dass sowohl Betroffene aus Kinderheimen, Betroffene von männlichen und weiblichen Beschuldigten und von Laien und Priestern vertreten“ sein sollten, außerdem weibliche und männliche sowie ältere und jüngere Betroffene – mit dem Ziel, „die ganze Breite des ‚Betroffenseins‘ abzubilden“. Schließlich gab das Gremium das Placet für 7 Betroffene (fünf Männer und zwei Frauen). Zumindest ein Mitglied des Betroffenenbeirats ist identisch mit einem Mitglied der Aufarbeitungskommission. Diesen hat der Bischof selbst ausgesucht, die anderen 6 wurden vom Bischof in den Betroffenenbeirat berufen, ein „formaler Akt“, um zu unterstreichen, dass er eben keine Auswahl getroffen hat. „Er habe damit zudem ‚seine Wertschätzung‘ dafür zum Ausdruck bringen wollen, ‚dass die Betroffenen diese schwierige Aufgabe wahrnehmen‘. Das Findungsgremium wurde danach wieder aufgelöst. Die Zusammenfassung: Die Diözese verfügt über eine Namens- und Adressenliste, auf der sich „mehr als 200 Betroffene“ finden. Dass sich nur 40 auf den Brief des Bischofs gemeldet haben, mag im Bereich des „Normalen“ liegen, kann aber auch mit der Form des Bischofbriefs zusammenhängen. Oder es ist eine Abwehrreaktion, um das „mühsam errungene und sehr fragile seelische Gleichgewicht“ nicht zu gefährden oder einfach wenig Hoffnung darauf, „dass wir dort gehört werden. Und als Feigenblatt möchte ich mich nicht zur Verfügung stellen.“ Mit weniger als der Hälfte wurden persönliche Gespräche geführt, schließlich blieben sieben (abzüglich dem Mitglied der Aufarbeitungskommission sind es sechs) Menschen übrig, die der Bischof berufen hat. Die Wertung: „Wie haben die Betroffenen reagiert, als Ihnen mitgeteilt wurde, dass ein Dreiergremium darüber entschieden hat, wer im Rat sitzen wird? Finden Sie es unter demokratischen Gesichtspunkten ok, dass eine Kommission das demokratische Prinzip aushebelt und bestimmt? Ich habe von Betroffenen gehört, dass das Prozedere als ziemlich übergriffig erlebt wurde. Nicht die Stimme der Betroffenen hat gezählt, sondern die Stimme der Kommission.“ Diese Fragen gingen an ein Mitglied der Findungskommission. Die Antwort war: Rückzug auf die Macht der faktischen Formalie: „Die Diözesanleitung hat sich an der Rahmenordnung zum Ausschreibungs- und Besetzungsverfahren sowie zur Aufwandsentschädigung für die strukturelle Beteiligung von Betroffenen der DBK vom 23.10.2020 orientiert bzw. sie umgesetzt. Weitere Informationen kann ich Ihnen nicht geben.“ Keine persönliche Stellungnahme. Und Transparenz liest sich auch anders. Hätte es eine Möglichkeit gegeben, mit einem demokratischen Verfahren anstelle eines „gesteuerten Auswahlverfahren“ zu einem Betroffenenbeirat zu kommen? Die Überlegung muss früher ansetzen: Ist nicht schon die Zieldefinition problematisch, einen Beirat zu berufen, in dem Betroffene aus Kinderheimen, Betroffene von männlichen und weiblichen Beschuldigten und von Laien und Priestern vertreten sein sollen, außerdem weibliche und männliche sowie ältere und jüngere Betroffene – um die ganze Breite des ‚Betroffenseins‘ abzubilden? Hätte es nicht gereicht, wenn die mehr als 200 Betroffenen sieben Menschen gewählt hätten mit dem Mandat, sie in einem Beirat zu repräsentieren? Ich finde die Vorstellung gruselig, dass im Betroffenenbeirat Expert:innen des Betroffenseins sitzen, deren „Qualität“ durch ein Auswahlgremium festgestellt wird, deren „hohe fachliche Qualität“ wiederum vorher durch die Diözese festgestellt wurde. Dass dieses System als von Betroffenen als übergriffig erlebt wird, ist leicht nachvollziehbar.

Der Betroffenenrat der Diözese wird „zwangs“-konstituiert

© Karlheinz Heiss
Karlheinz Heiss
„ein Priester tut so etwas nicht“ „ein Priester tut so etwas nicht“ „Nachdenken“ „Nachdenken“ das Kleingedruckte das Kleingedruckte Leserbriefe Leserbriefe Vortrag Vortrag Aktuell: Wenn Sie mich fragen … Aktuell: Wenn Sie mich fragen …
Kontakt
Bestellung
aktualisiert am 20.11.2022
Bearbeitet: Titelseite
Auszüge aus „Aufarbeitung. So nicht!“ Auszüge aus „Aufarbeitung. So nicht!“ „Schwarze Pädagogik“ „Schwarze Pädagogik“
Termine: 7. Februar 2023, 19.30, Katholisches Gemeindehaus Eutingen-Göttelfingen Missbrauch in der Katholischen Kirche - wie Aufarbeitung gelingen könnte 20. November 2022: Kommentar zu 30 Jahre Katechismus der Katholischen Kirche unter: K-Punkt Rottenburg - YouTube
Mitglied der Gesellschaft Katholischer Publizisten

Bischof Georg Moser und der

Organisationserlass A 8616/83

Mitte Oktober führte mich mein Weg ins Diözesanarchiv nach Rottenburg. Ich wollte endlich genau wissen, ob die immer wieder in Diskussionen genutzte Behauptung stimmt, der Diözesanrat habe bei einer Sitzung mit Bischof Moser beschlossen, dass künftig die Personalakten der Priester anders geführt werden sollen. Im Zuge dessen seien alle Hinweise auf Missbrauch aus den Akten genommen und vernichtet worden. Ich habe dann darum gebeten, mir Einsicht zu gewähren in die Protokolle der Sitzungen des Diözesanrats aus den Jahren, in denen Dr. Georg Moser Bischof war. Die Antwort war nicht nach meinem Wunsch. „Die Protokolle des Diözesanrats aus der Amtszeit von Bischof Moser unterliegen teilweise noch der archivrechtlichen Schutzfrist. Sie beträgt für Sachakten 40 Jahre (Anordnung über die Sicherung und Nutzung der Archive der Katholischen Kirche - KAO, § 9). Demnach kann ich Ihnen nur die Protokolle bis 1981 vorlegen. Der Organisationserlass zur Führung der Personalakten der Priester in der Diözese Rottenburg-Stuttgart stammt allerdings erst vom Januar 1985.“ so die Nachricht aus dem Diözesanarchiv. Fündig wurde ich dann doch: in den kirchlichen Amtsblättern (BO Nr. 416 – 16.1.85). Dort war der Organisationserlass A 8616/83 mit dem Datum 19.1.1984 in Auszügen veröffentlicht. Unter 3. liest sich Folgendes: „Nicht zu den Personalakten gehören Schriftstücke, die besonderen, von der Person und den Dienst des Priesters sachlich zu trennenden Zwecken dienen, auch wenn sie die persönlichen oder dienstlichen Verhältnisse des Priesters berühren.“ Ein Satz, über den man sicher lange nachdenken kann. Was könnten das für Schriftstücke sein, die einem besonderen Zweck dienen, die gleichzeitig persönliche Verhältnisse berühren aber auch von der Person sachlich getrennt werden können? Fielen beispielsweise Geburtsurkunden von Priesterkindern unter dieses Kriterium? Es bleibt Raum für Spekulationen. Unter 4. findet sich: „Vernichtet werden a) Voten (Stellungnahmen für eine Entscheidungsfindung), wenn sie nicht zur Entscheidungsfindung beitragen b) anonyme Briefe“ Schließlich unter 5.: „Der Priester wird über Beschwerden und Behauptungen tatsächlicher Art, die für ihn ungünstig sind oder ihm nachteilig sind, vor Aufnahme in die Personalakten gehört. Er hat das Recht auf Einsicht in seine vollständigen Akten.“ Natürlich bleiben Fragen zur Anwendung dieses Organisationserlasses, doch zuerst ein Beispiel, was nach Inkrafttreten des Organisationserlasses passieren konnte, so denn ein Fall von Missbrauch in einer Gemeinde ruchbar wurde. Einschub: Aus der Fallvignette eines beschuldigten Priesters: Die frühesten Vorwürfe gegen den Pfarrer stammen aus dem Jahr 1981. Damals soll er sich bei einer Freizeit der Caritas nachts an einem elfjährigen Jungen sexuell vergriffen haben. Den Stein ins Rollen bringt im Februar 2010 ein 40-jähriger Mann, der sich bei der KsM meldet. Er berichtete über eine 29 Jahre zurückliegende Missbrauchserfahrungen mit dem Geistlichen bei einer Ministrantenfreizeit in Südtirol. Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass ein heute 15-Jähriger von ihm belästigt worden sein soll. Und den Hinweis aus den 1990-er Jahren einer Haushälterin, dass ein minderjähriger Junge aus der Gemeinde aus dem Bett des Pfarrers gekommen sei. „Dem ist die Diözese nicht ernsthaft nachgegangen“ (Zitat Dr. Norbert Reuhs, Kirchenrechtler und Mitglied der KsM). Es wird eine Akte über ihn in Rottenburg angelegt. Seitdem gibt es weitere Verdachtsfälle, die der Diözese bekannt sind, die allerdings keine dienstrechtlichen Folgen für den Beschuldigten hatten. Es melden sich Zeugen. Sie versichern, dass sie der Diözese entsprechende Beobachtungen gemeldet hätten. Bischof Dr. Fürst veranlasst ein Krisengespräch, in dessen Folge der Pfarrer eine fast vier Monate währende Kur antritt. Trotz anderslautender Ankündigungen der Diözese, die zugesagt hatte, dass der Priester nach seiner Kur anderweitig eingesetzt wird, kehrt der Pfarrer an seine alte Arbeitsstelle zurück. Und macht jenen, die ihn mit ihren Beobachtungen belastet hatten, das Leben zur Qual. Ich will auf eine Veränderung hinweisen, die in der Fallvignette eher nebenbei erwähnt wird und auf das Betreiben von Bischof Fürst zurückgeht: Im Jahr 2003 nimmt die Kommission sexueller Missbrauch ihre Arbeit auf. Das hört sich zunächst unspektakulär an. Damit wird aber ein Paradigmenwechsel vollzogen, der sich für Betroffene positiv darstellt. Nochmal zurück und zusammengefasst die Vorgehensweise bei Beschuldigungen unter dem Gesichtspunkt der Umsetzung des Organisationserlasses: · Es kommt ein anonymer Hinweis auf ein Vergehen – ab in den Reißwolf! · Es kommt gleichzeitig zu einer anonymen Anzeige eine Stellungnahme, dass dies nicht die einzige Beschuldigung ist – beides ab in den Reißwolf, zuerst der oder die anonymen Briefe und sodann die Voten. · Wenn es ein Vorwurf dennoch bis in die Personalakten geschafft hat, dann tritt das Recht auf Einsicht in die Personalakten in Kraft. Und dann kann sich Hochwürden an denen rächen, die ein Votum abgegeben haben oder sogar – Schande über sie oder ihn – mit Echtnamen eine Tat angezeigt haben. Dass sich der Pfarrer der Fallvignette an den Menschen rächen konnte, die ihn beschuldigt hatten, liegt nicht an der Arbeit der Kommission, sondern am (vielleicht beabsichtigten) Vergessen einer Zusage. Mit der Berufung der Kommission ergibt sich ein anderes Bild, wie mit Beschuldigungen umgegangen wurde. Eine Kommission bearbeitet die Vorwürfe - und damit wird das direkte, unkontrolliert unbemerkte Agieren des Bischofs unter tätiger Mithilfe von persönlichen Assistenten, dem Generalvikar nebst Personalreferenten zumindest zum Teil ausgehebelt. Die Einschätzung, dass bezüglich des Pfarrers in den 1990-er Jahren die Diözese den Vorwürfen nicht „ernsthaft“ nachgegangen sei, trifft Bischof Kasper (von 1989-1999) und wenn wir den "informierten Kreis" mit hineinnehmen Dr. J. Dr. (persönlicher Assistent von 1991 bis 1999), die Generalvikare Eberhard Mühlbacher (bis 1993) und Werner Redies (1993 -2004) sowie die Personalreferenten. Kardinal Kasper wird im Juni 2019 in einem Artikel der KNA so zitiert: „In seiner Zeit als Bischof habe er beim Umgang mit Verdachtsfällen das Problem gehabt, dass die Familien der Opfer oft "massiv" gemauert hätten: "Sie wollten um jeden Preis verhindern, dass das Geschehene in irgendeiner Weise ruchbar wird. Damit waren mir als Bischof mit den rechtlichen Möglichkeiten von damals ziemlich die Hände gebunden.“ Dies pervertiert die Wirklichkeit und steht im direkten Gegensatz zur Aussage von Dr. Norbert Reuhs. Folgende Schlüsse lassen sich aus dem zitierten Interview ziehen: · Es gab Hinweise auf sexuellen Missbrauch von Priestern · Die Hinweise kamen von „außen“ zur Diözesanleitung · Die Diözese hat Kontakt zu den Familien aufgenommen · Die Familien waren an einem weiteren Vorgehen der Diözese nicht interessiert Was ist mit den Priestern geschehen, die beschuldigt wurden? Vermutlich wurden sie in eine andere Pfarrei oder im Ausland "zwischengeparkt". Ein Eintrag in die Personalakte wird unter Hinweis auf Organisationserlass A 8616/83 wohl unterblieben sein.
Am 30. Juli 2022 hat der siebenköpfige Betroffenenbeirat der Diözese seine Arbeit aufgenommen. Wie kam der Betroffenenbeirat der Diözese zu seinen Mitgliedern? Die Formalien: 2022 wurden „mehr als 200 der Diözese mit Adresse bekannten Betroffenen in einem persönlichen Brief angeschrieben und um ihre Bereitschaft gebeten hatte, im Beirat mitzuwirken.“ Dieses Prozedere hatte die Aufarbeitungskommission (in der zwei vom Bischof bestimmte Betroffenenvertreter:innen sitzen, weil es noch keinen Betroffenenbeirat gab) kritisiert. Es haben sich mehr als 40 Betroffene gemeldet, die an der Mitarbeit interessiert waren. Um die Besetzung des Betroffenenbeirats zu „steuern“, hat der Bischof ein Findungsgremium eingesetzt und dazu drei tatsächlich oder ehemals in Diensten der Diözese stehende Menschen berufen: die Theologin und Sozialethikerin Ursula Wollasch (bis 2020 Geschäftsführerin des Landesverbands Katholischer Kindertagesstätten), die Tübinger Psychologin Dr. Ursula Gasch, die für die Diözese psychologische Gutachten für Priesteramtskandidaten erstellt und Dr. Joachim Schlör, der als Dozent für Pastoralpsychologie im Priesterseminar der Diözese arbeitet. Mit 17 der mehr als 40 Betroffenen wurden Gespräche geführt. Sie waren offensichtlich in die engere Wahl gekommen. Kriterien der Vorauswahl waren, „dass sowohl Betroffene aus Kinderheimen, Betroffene von männlichen und weiblichen Beschuldigten und von Laien und Priestern vertreten“ sein sollten, außerdem weibliche und männliche sowie ältere und jüngere Betroffene – mit dem Ziel, „die ganze Breite des ‚Betroffenseins‘ abzubilden“. Schließlich gab das Gremium das Placet für 7 Betroffene (fünf Männer und zwei Frauen). Zumindest ein Mitglied des Betroffenenbeirats ist identisch mit einem Mitglied der Aufarbeitungskommission. Diesen hat der Bischof selbst ausgesucht, die anderen 6 wurden vom Bischof in den Betroffenenbeirat berufen, ein „formaler Akt“, um zu unterstreichen, dass er eben keine Auswahl getroffen hat. „Er habe damit zudem ‚seine Wertschätzung‘ dafür zum Ausdruck bringen wollen, ‚dass die Betroffenen diese schwierige Aufgabe wahrnehmen‘. Das Findungsgremium wurde danach wieder aufgelöst. Die Zusammenfassung: Die Diözese verfügt über eine Namens- und Adressenliste, auf der sich „mehr als 200 Betroffene“ finden. Dass sich nur 40 auf den Brief des Bischofs gemeldet haben, mag im Bereich des „Normalen“ liegen, kann aber auch mit der Form des Bischofbriefs zusammenhängen. Oder es ist eine Abwehrreaktion, um das „mühsam errungene und sehr fragile seelische Gleichgewicht“ nicht zu gefährden oder einfach wenig Hoffnung darauf, „dass wir dort gehört werden. Und als Feigenblatt möchte ich mich nicht zur Verfügung stellen.“ Mit weniger als der Hälfte wurden persönliche Gespräche geführt, schließlich blieben sieben (abzüglich dem Mitglied der Aufarbeitungskommission sind es sechs) Menschen übrig, die der Bischof berufen hat. Die Wertung: „Wie haben die Betroffenen reagiert, als Ihnen mitgeteilt wurde, dass ein Dreiergremium darüber entschieden hat, wer im Rat sitzen wird? Finden Sie es unter demokratischen Gesichtspunkten ok, dass eine Kommission das demokratische Prinzip aushebelt und bestimmt? Ich habe von Betroffenen gehört, dass das Prozedere als ziemlich übergriffig erlebt wurde. Nicht die Stimme der Betroffenen hat gezählt, sondern die Stimme der Kommission.“ Diese Fragen gingen an ein Mitglied der Findungskommission. Die Antwort war: Rückzug auf die Macht der faktischen Formalie: „Die Diözesanleitung hat sich an der Rahmenordnung zum Ausschreibungs- und Besetzungsverfahren sowie zur Aufwandsentschädigung für die strukturelle Beteiligung von Betroffenen der DBK vom 23.10.2020 orientiert bzw. sie umgesetzt. Weitere Informationen kann ich Ihnen nicht geben.“ Keine persönliche Stellungnahme. Und Transparenz liest sich auch anders. Hätte es eine Möglichkeit gegeben, mit einem demokratischen Verfahren anstelle eines „gesteuerten Auswahlverfahren“ zu einem Betroffenenbeirat zu kommen? Die Überlegung muss früher ansetzen: Ist nicht schon die Zieldefinition problematisch, einen Beirat zu berufen, in dem Betroffene aus Kinderheimen, Betroffene von männlichen und weiblichen Beschuldigten und von Laien und Priestern vertreten sein sollen, außerdem weibliche und männliche sowie ältere und jüngere Betroffene – um die ganze Breite des ‚Betroffenseins‘ abzubilden? Hätte es nicht gereicht, wenn die mehr als 200 Betroffenen sieben Menschen gewählt hätten mit dem Mandat, sie in einem Beirat zu repräsentieren? Ich finde die Vorstellung gruselig, dass im Betroffenenbeirat Expert:innen des Betroffenseins sitzen, deren „Qualität“ durch ein Auswahlgremium festgestellt wird, deren „hohe fachliche Qualität“ wiederum vorher durch die Diözese festgestellt wurde. Dass dieses System als von Betroffenen als übergriffig erlebt wird, ist leicht nachvollziehbar.

Der Betroffenenrat der Diözese wird „zwangs“-konstituiert